Im Land der Prophylaktiker

Die Deutschen sind ein Volk der Sicherheitsmuffel gepaart mit einem übertrieben Hang zur Vollkaskomentalität. Jede Eventualität muss im Voraus geplant und abgesichert sein. Einfach dem Schicksal den Lauf der Zeit überlassen, können wir herzlich wenig. Oder zumindest sind wir durch unsere Politik darauf getrimmt.

Die Prophylaxe stammt vom griechischen „prophylaktikós“ und bedeutet vorbeugend, vorsorglich oder verhindernd. In Deutschland findet die Vorsorge an fast jeder Ecke statt. Wir gehen zum Zahnarzt und lassen regelmäßig eine Kariesprophylaxe durchführen, damit das Belohnungsbonbon danach weniger schädlich ist. Wir tauschen das Motorenöl prophylaktisch schon ein paar Tausend Kilometer im Voraus, damit der Motor absolut keinen Schaden nehmen kann. Wir lassen Darmspiegelungen, Mammographien und sonstige Untersuchungen durchführen, um prophylaktisch auf der sicheren Seite zu sein. Nichts kann einem mehr den Tag versauen als ein zu spät erkannter Krebs.

Wir hängen Klosteine in die Toilette, damit der Schmutz sicher später festsetzt. Die Industrie erzählt uns auch, dass wundersame Mittel die Waschmaschine länger leben lassen. Wir schlucken tonnenweise Vitaminpräparate, damit die Viren und damit die Erkältung einen Bogen um uns macht. Wir zahlen fleißig in die Berufsunfähigkeitsversicherung, ohne genau zu wissen, welche Prophylaxe damit im Ernstfall überhaupt erreicht werden kann.

Wenn Schokolade im Angebot ist, kaufen wir prophylaktisch ein paar Tafeln mehr; man kann sich schließlich nie genau sicher sein, wann es das Naschwerk das nächste Mal wieder so günstig gibt. Früher hat man gern prophylaktisch die Rachenmandeln entfernt, obwohl es gar keine notwendige Indikation dazu gab. Den Vorsorge ist schließlich besser als Nachsicht. Der Irrsinn geht sogar so weit, dass speziell in Afrika Beschneidungen (des männlichen Glieds) statt finden, weil man damit angeblich die HIV-Infektionen reduzieren kann.

Wir entsorgen prophylaktisch abgelaufene Lebensmittel, weil lieber erst gar nicht probieren ob sie noch genießbar sind. Im Supermarkt gibt es tonnenweise Nachschub. Die Presse lässt gerne prophylaktisch „Gewitterwolken“ aufziehen, wenn die politische Großwetterlage nicht nach ihren Vorstellungen ist. In den letzten Wochen wird beispielsweise gern und häufig gegen Griechenland geätzt. Und wir dämmen wie die Weltmeister unsere Wohnung, obwohl prophylaktisch betrachtet die Sanierungen sich gar nicht rechnen.

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Eine Antwort zu Im Land der Prophylaktiker

  1. Anonymous 18. Juli 2017 um 12:43 #

    Hey, schöner Blogbeitrag! Ich bin gerade zufällig auf
    deine Seite gestoßen. Mach weiter so!

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