Deutschland das Land der Castings und Sänger

Deutschland gilt als das Land der Dichter und Denker. Dieses geflügelte Wort stammt jedoch aus dem 18. Jahrhundert und ist mittlerweile mehrfach veraltet. Johann Wolfgang von Goethe, Johann Christoph Friedrich von SchillerGottfried Wilhelm Leibniz oder auch Friedrich Nietzsche sind bekannte Namen. Doch der Glanz dieser Persönlichkeiten ist über die Jahrhunderte stark verblasst. Die Bildungselite wähnt sich immer noch in der Illusion, in diesem Land würden tagtäglich neue Goethes und Nietsches geboren werden.

Die Realität des frühen 21. Jahrhunderts sieht jedoch komplett anders aus. Die kulturelle „Elite“ heißt heute Daniel oder Vanessa und ist von einem TV-Publikum zum Star erwählt worden. Um im TV-Jargon zu bleiben: in mehrwöchigen Shows wurden die Nobodys durch Tele-Voting zum Superstar gewählt. Deutsches Fernsehen kann wunderbar dröge und  einfallslos sein. Es gibt derzeit kaum ein Sender, in dem nicht gecastet und gesungen wird. Hier ein Auswahl der aktuellen Shows:

Die Sender verteidigen ihren Einheitsbrei mit der Aussage, dass jede Show – für sich gesehen – einmalig und unverwechselbar sei. Dies ist insofern richtig, wenn man Rührei, Spiegelei, Omelett oder Frühstücksei als unterschiedliche Mahlzeiten sehen würde. Schlussendlich bleibt es jedoch beim EinerlEi.
Unser Star für Baku zeichnet sich durch eine Blitztabelle aus. Bei dieser gewieften Abstimmungsmethode kann man live sehen, wie sich ständig die Abstimmungszahlen verändern. Dies animiert, noch öfters für seinen Liebling abzustimmen. Ob das gesangliche Ergebnis dabei mit den Zahlen im Einklang stehen, interessiert prinzipiell niemanden.
Deutschland sucht den Superstar, kurz DSDS, gilt als die dienstälteste Casting-Gesangsshow unter den sechs aktuellen Shows. Auch hier steht nicht das Gesangstalent im Vordergrund sondern vielmehr die persönlichen Einzelschicksale. Wer im Heim aufgewachsen ist, ein paar Monate bereits im Gefängnis gesessen hat und sich mit 20 Jahren selbst die  Schuhe binden kann, hat große Chancen Superstar zu werden. Das Publikum liebt diese Schmonzetten und giert nach den bösen Sprüchen von Dieter Bohlen.
Bei The Voice of Germany dreht sich angeblich alles um die Stimme. Natürlich! Nur deshalb braucht man auch so viel prominentes Beiwerk: Rea Garvey, Frontmann der Band Reamonn, Xavier Naidoo, Nena und Alec Völkel sowie Sascha Vollmer von The Bosshoss. Sie bilden auch keine Jury sondern sind „un-fucking-fassbarste“ Coaches. Die Teilnehmer singen auch nicht einfach so sondern treten als „Talents“ gegeneinander in „Battles“ an. Man fragt sich schon leicht irritiert, ob die Sendung den Promistatus der absolut cool wirkenden Coaches pushen soll oder die (gefühlten) 100 Talents eine werbefinanzierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme durchlaufen.
Mit dem Bundesvision Song Contest hatte Stefan Raab eine geniale Idee, wie man semi-bekannte Talente innerhalb weniger Wochen deutschlandweit bekannt machen kann. Radiostationen in den einzelnen Bundesländern begleiten wohlwollend diese Werbetour. Am Ende wird einer zum Sieger gekürt, der eigentlich schon vorher das Potential zum Durchstarter gehabt hätte. Die teilnehmenden SängerInnen und Bands freuen sich über die Abkürzung und bei ProSieben klingeln die Kassen.
Das Konzept von RTLs Supertalent erinnert stark an einen Zirkus. Nur mit dem entscheidenden Unterschied, dass beim Zirkus jede Leistung honoriert wird. Und im Zirkus wird nicht so viel gesungen. Doch eine Casting-Show mit Dieter Bohlen wäre keine vollwertige Show ohne SängerInnen. Ebenfalls RTL-typisch ist die dramaturgische Aufarbeitung: herzergreifende Einzelschicksale, stimmungsgeladene Hintergrundmusik, melodramatische Schnitte und Effekte, böse Sprüche des „Meisters“ und ein Publikum, welches offensichtlich reagiert wie aus einer Brot-und-Spiele-Inszenierung.
Demnächst kommt bei SAT.1 noch The Winner is hinzu. Linda de Mol wird Gesangstalente präsentieren, der Zuschauer wird entscheiden und am Ende winkt die Aussicht auf eine Million Euro. Spannend.

Das ganze Land ist mittlerweile mehrfach durchgecastet. Dies führt dazu, dass viele sich bei den unterschiedlichen Shows parallel bewerben. Oder in Extremfällen wird daraus eine Art Running-Gag: Menderes bei DSDS. Doch unterm Strich ist die Zahl der echten Talente begrenzt. Der Rest ist Füllmasse, Bauernopfer oder Lachnummer. Und ab einem gewissen Punkt wirkt es nur noch dröge und monoton. Egal welche der Sendungen man einschaltet, man fühlt sich als Zuschauer einer Dauerwiederholungsschleife gefangen. Wenn der Gesang bei den Ohren wieder raus kommt, ist der Zenit bereits überschritten.

Doch auf der anderen Seite winkt sie, die Gier und die Sehnsucht nach Anerkennung. Einmal im Fernsehen sein. Eine Zahnspangenträgerin zischelt in die Kamera „Singen ist mein Leben“, auch wenn ihre eigenen Gesangskünste eine Schildkröte zum Flüchten animieren würden. Ein anderer Teenager steht vor der DSDS-Jury und jammert weinerlich: „Das ist mein großer Traum„. Die Jungs und Mädels leben in einer Traumwelt, die von solchen Sendungen kreiert wurde. Ich wollte in meiner Kindheit mal Astronaut werden. Doch ich wäre nie auf die Idee gekommen, bei der NASA mich einer Jury vorzustellen.

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