Linux-/Mac-Spiele – Nachfrage und Angebot

Verpennt eine ganze Branche den nächsten Zug?
Die Spielefirmen wären nicht die ersten, welche durch falsche Interpretationen der Marktnachfrage sich ins Aus manövrieren würden. Derlei Beispiele gibt es viele. Zuletzt traf es Siemens Mobile bzw. BenQ. Der Kunde wollte nicht nur ein Mobiltelefon, mit welchem man mobil telefonieren konnte. Oder Daimler-Chrysler. In Amerika hat man das Spritsparen ’neu erfunden‘. Daimler-Chrysler konnte bzw. wollte keine solchen Sparmodelle ins Sortiment mit aufnehmen.

Die PC-Spieleindustrie hat selten etwas zu jammern. In den letzten Jahren ist ein wahrer Boom ausgebrochen. Mit First-Person-Shooter und Multi Massive Online Roleplay Games (MMORPG) macht die Branche Milliardenumsätze. Wenn es dagegen mal nicht so perfekt läuft, sind meist die Raubkopierer schuld. An fehlende oder gar falsche Umsatzmärkte denkt dabei wohl öffentlich kein Chef nach.

Windows – WinDAUs – Win DAUs
Microsoft macht es den Spielern (Usern) und den Entwicklern gleichermaßen leicht. Für den User bietet man ein möglichst einfach zu bedienendes Betriebssystem – wenn auch mit den bekannten Sicherheitslöchern. Die Entwickler fängt man mit großzügigem Support und einer kinderleichten Entwicklungsumgebung. Zudem ist das nötige DirectX auf allen Windows-Rechnern vorhanden. Und Rechner mit einem installierten Betriebssystem ‚Windows‘ gibt es mehr als zuhauf.
Kaum eine Spielefirma denkt dabei daran, dass der Markt sich eventuell auch außerhalb von Windows abspielen könnte. Microsoft ködert die Entwicklerfirmen geschickt mit Tools und Support. Es wird ihnen alles geboten, um mit Windows-Spielen glücklich zu werden. Seit neustem wird zudem der Weg erschwert, plattformunabhängig Spiele zu entwickeln (Stichwort OpenGL Emulation). Den User braucht man indes nicht zu ködern. Er hat sein Windows. Damit ist er mehr oder minder glücklich. Von Alternativen wie Linux haben die meisten bis dato nur aus Computerzeitungen gelesen. Wo Windows installiert ist, da läuft prinzipiell auch jedes Spiel.
Schätzungen zufolge läuft auf jedem fünften PC eine illegale Windows-Lizenz. Dies stört Microsoft derzeit nicht all sehr. Denn je größer der Kreis der Windows-Installationen, desto größer der Kreis der potentiellen Spielekunden. Auch andere Softwarehersteller leben von diesem ‚Parasitensystem‘.

Und ohne Windows?
Ohne Windows und damit ohne DirectX sieht die Spielwelt relativ grau und einseitig aus – zumindest was das Angebot betrifft. Die Spielehersteller haben sich (fast) alle auf die Windowsplattform eingeschossen und lassen Alternativen links liegen. Nur wenige Exemplare schaffen jährlich den Weg ins Linuxlager. Auch die Mac-Anhänger haben nur eine selektive Liste an Mac-Spielen zur Auswahl. Hier fehlt ebenfalls das allseits ’notwendige‘ DirectX.
Linux-Freunde und Mac-Lieblinge stehen indes eh nicht in der Gunst der Spielebranche. Linuxer sind und bleiben ‚Frickler‘ – die spielen eh keine Ego-Shooter. Und ‚Macianer‘ geben sich eher der Kunst hin und ’spielen‘ mit Photoshop und Co.

Vorurteile
Volvo-Fahrer leben besonders umweltbewusst und lieben das Sicherheitsgefühl, ALDI-Kunden haben klamme Haushaltskassen und alle Windows-User sind dumm. Vorurteile sind so alt wie die Menschheit. Wer diese verfolgt und weiter verbreitet folgt nur der Evolution. Ein brauchbarer Nutzen entsteht dabei nicht. Außer der Provokation bleibt am Ende nicht viel übrig.
Wer also dem Windows-Betriebssystem den Rücken kehrt, der hat meist persönliche Gründe. Und diese können mannigfaltig sein: zu hohe Lizenzkosten, allg. Abneigung gegen die Microsoft-Politik, Sicherheitsbedenken, Bevorzugung anderer Programme oder auch nur das bloße Interesse an anderen Techniken.
Wer sich allerdings von Microsofts Windows verabschiedet, der muss sich auch von der großen Spieleauswahl verabschieden. Die meisten PC-Spiele gibt es eben nun einmal (nur) für das Betriebssystem aus Redmond. Wer also weiterhin ab und zu ein PC-Spielchen starten möchte, kann auf Windows nicht verzichten. Dual-Boot ist die dafür passende Lösung. Auf der einen Partition weilt die Windowsinstallation, auf der anderen ist die Alternative zu Windows installiert. Diese Krücke ist ein notwendiges Übel. Denn auf MS-Windows könnte und würde der Großteil der Abwanderer gern verzichten. Doch die mickrige Spieleauswahl hält einen zumindest mit einem Bein an Windows fest.

Angebot und Nachfrage
Fragt man die Spieleentwickler, wieso es für die alternativen Systeme nur so wenige Titel gibt, bekommt man zwei Antworten zu hören: zum einen sei das Entwickeln für andere Systeme äußerst schwer und zum anderen fehle bei den Windowsalternativen die entsprechende Nachfrage. Fragt man einen Windows-Abwanderer, wieso er immer noch eine Windows-Version installiert hat, führt die Antwort zum geringem Spieleangebot für die Alternativsysteme.
Der Problematik liegt das typische Henne-Ei-Prinzip zugrunde: wo keine Nachfrage, da kein Angebot oder solange kein ausreichendes Angebot, solange keine entsprechende Nachfrage.
Genau in diesem System steckt allerdings die wahre Problematik. Der Benutzer wird sich über kurz oder lang von Windows komplett verabschieden – sofern er schon jetzt zweigleisig fährt. Wer Windows bereits jetzt schon teilweise den Rücken gekehrt hat, wird spätestens bei der nächsten Umstellung (z.B. wenn der Support für Windows XP ausläuft) die Partition von Windows befreien und für andere Dinge freiräumen.

Linux und Mac sind spiele-ready
Eine beliebte Aussage der Spielefirmen ist stets, dass es für Linux kein vernünftiges Fundament für die Entwicklung von guten 3D-Spielen gäbe. Dank OpenGL und Compiz (3D-Beschleunigung des Desktop Server X11) bietet sich im Linuxlager schon seit längerem eine gute Basis für rasante und aufwendige Spiele. Was allerdings fehlt ist die finanzielle Unterstützung von Microsoft und das große ‚Sorglospaket‘ DirectX. Für den Macintosh und das Mac OS X ist die Lage fast identisch.
Die Anhängerschar rund um Windows wird jeden Tag ein wenig kleiner. Die Spielefirmen sollten sich also frühzeitig nach neuen Absatzmärkten umschauen, bevor der Umsatz ‚völlig unerwartet‘ und ‚total unverhofft‘ nach unten wegbricht. Im Linux- und Mac-Lager warten die User bereits sehnsuchtsvoll nach guten Spielen.

DirectX-Hype ade
Spielefirmen sollten nicht jedem neuen DirectX-Hype planlos hinterher hecheln. Gerade eben treibt Microsoft die nächste (Marketing-)Sau durchs DirectX-Feld: mit DX10 wird alles noch bunter, schneller, detailreicher und einfacher zu entwickeln. Viele Firmen vergessen dabei gern die eigentlichen Aufgaben: gute Handlung und Plattformunabhängigkeit. Doch eine perfekte Spielhandlung lässt sich nun einmal weniger gut mit anderen Spieletiteln messen als eine gigantische Polygonanzahl.
OpenGL als Entwicklungsebene ist weitgehend in die Bedeutungslosigkeit gedrückt worden – der Marktmacht von Microsoft ’sei dank‘. Dagegen ist OpenGL technisch nicht minder schlecht als DirectX. OpenGL bietet sogar einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: es ist nicht an Windows gekoppelt. Es liegt an den Spielefirmen, sich von DirectX zu lösen.

Wer weiterhin einen kräftigen Umsatz machen möchte, muss sich auch mit Alternativen auseinander setzen. Windows wird nicht ewig die Cashcow für die Spieleindustrie bleiben. Doch solange keine Nachfrage … 😉

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3 Antworten zu Linux-/Mac-Spiele – Nachfrage und Angebot

  1. AstraAngel 1. März 2007 um 18:23 #

    HEUL DOCH!

    Der kräftige Umsatz wird eben mit den *dummen* Windows-Nutzern gemacht! Es ist doch uninteressant, ob der Käufe das Windows nun zwangsmäßig auf der Platte hat, oder nicht – er KAUFT ja trotzdem.

    Solange also die Entwicklungskosten für eine Linux-Version höher sind als der Gewinn durch die 5 Linux-Version-Käufer, gibts eben keine und fertig. Das ist Marktwirtschaft. Wenn der Absatz der Windowsversionen sinkt, wird es schon Alternativen geben, aber eben erst dann.

    Zu „Viele Firmen vergessen dabei gern die eigentlichen Aufgaben: gute Handlung und Plattformunabhängigkeit.“ – Also ich denke, das ist eine Branche der die Plattformunabhängigkeit sowas von egal ist. Das ist keine Banksoftware, das sind Spiele! Genausowenig wird doch auf die vorhandene Hardware geachtet.. die Grafikkarte packts nicht? Pech!

  2. der Mops 3. März 2007 um 01:17 #

    Lesen, nicht nur flamen.
    Es geht um die Fragestellung, ob die Spieleentwickler den abfahrenden Zug sehen oder verpennen. Durch Vista werden mehr und mehr Benutzer das Betriebssystem wechseln; ob zu Mac oder zu Linux.

    Kann sich also die Branche seelenruhig auf ihren Marktanteilen ausruhen? Bei MS beginnt man ja mittlerweile auch schon zu schwitzen, weil die Verkaufszahlen den Erwartungen hinterher hinken.

    PS: wegen so etwas fange ich nicht das Heulen an 😉

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  1. bloodyeye.de Blog » Blog Archiv » Linux-/Mac-Spiele - Nachfrage und Angebot - 4. April 2007

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