Die Gesundheitskarte ist krank – so wie das ganze System

Die Gesundheitskarte kommt. Das ist so sicher wie die nächste Grippewelle. Dass dabei für die Patienten keine bessere Gesundheitsversorgung ensteht, davon träumt wahrscheinlich nicht einmal mehr Ulla Schmidt (SPD, Gesundheitsministerin). Das System rund um die elektronische Gesundheitskarte (abgekürzt eGK) wird in der Zwischenzeit geringfügig teurer. Das neue Chipkartensystem sollte anfangs rund 1,4 Milliarden Euro kosten. Mittlerweile sind die Ausgaben auf geschätzte 3,9 Milliarden Euro gestiegen. Für den schlimmsten Fall werden sogar 7 Milliarden Euro beziffert. Pro Kopf wären dies 100 Euro. Hinzu kommen allerdings noch die Anschaffungskosten für die Karten selbst. Diese belaufen sich auf die ‚lächerliche‘ Summe von ca. 590 Millionen Euro.

Viel Geld für ein kompliziertes System.
Was kann man mit den neuen Chipkarten machen, was bis dato nicht möglich wäre? Ganz einfach. Am Anfang ersetzt die neue Chipkarte die bestehende Chipkarte. Auf dem Chip enthalten sind Name, Geburtsdatum, eventuell der Hausarzt, die Blutgruppe und andere wichtige Informationen. Diese Chipkarte muss beim behandelten Arzt und bei der Apotheke eingelesen werden. In der zukünftigen Entwicklung sollen auf der Karte dann die ausgestellten Rezepte gespeichert, die Krankendaten erfasst und eventuell auch Röntgenaufnahmen und dergleichen gespeichert werden.
Dafür ist ein riesiger Rechnerpark notwendig. Die anfallenden Daten aus Arztpraxen und Krankenhäusern müssen zu Abrechnungszwecken zentral gespeichert werden. Dass dabei die Abrechnung vereinfacht werden kann, steht wohl außer Frage. Doch dafür bräuchte es keine Chipkarten.

Die elektronische Gesundheitskarte macht das kranke System nicht gesund.
Unser Gesundheitssystem ist zu teuer. Das liegt nicht an der guten Ausbildung der Ärzte oder den teuren Geräten. Auch sind unsere Krankheiten nicht teurer als die anderer Völker. Wir leisten uns allerdings in Deutschland ein kompliziertes und undurchschaubares Geflecht aus
Patient ‹› Arzt ‹› Kassenärztliche Vereinigung (KVen) ‹› Gesetzliche Krankenkassen (GKV).
Der Patient hat Kontakt zur GKV und zu seinem Arzt. Der Arzt kommuniziert mit dem Patienten und der KVen. Der Patient bekommt allerdings nichts von der Arbeit der KVen mit. Was der Arzt also bei seiner Abrechnungsstelle, der KVen, abrechnet, erfährt der Patient nicht. Die KVen prüft auch nicht beim Patienten die erfolgten und abgerechneten Leistungen. Sie gibt die Forderung nur an die Krankenkasse weiter. Diese prüft ab und an mit Stichproben die Richtigkeit der geforderten Abrechnung. Doch welcher Patient kann sich Monate später noch genau daran erinnern, was der Arzt damals alles diagnostiziert und untersucht hat. Darüber hinaus fehlen den Krankenkassen die nötigen Ressourcen, um viele Kontrollen durchführen zu können. Die Zahlungen an die Kassenärztliche Vereinigung übersteigen schon jetzt die freien Reserven fast aller Krankenkassen.

Willkommen im Selbstbedienungsladen. Alles Geld den Ärzten.
Das System lädt den Arzt geradezu dazu ein, mehr abzurechnen, als real am Patienten untersucht wurde. Kontrollieren lässt es sich sehr schwer und außer einer Verwarnung und einer Rückzahlung kann dem Arzt weiter nichts passieren.

Die Privaten Krankenkassen (PKV) und das bessere System.
Wer bei einer privaten Krankenkasse versichert ist, bekommt die Rechnung vom Arzt in die Hand gedrückt. Der Patient muss diese Kostenforderung bei seiner Krankenkasse einreichen. Dadurch kann und wird jeder Patient die Abrechnung genau kontrollieren. Denn niemand besser als die behandelte Person weiß darüber bescheid, was der Arzt alles untersucht und behandelt hat. Viel Raum für Tricksereien bleiben da nicht. Wieso ein solches oder ein ähnliches System nicht auch bei den Gesetzlichen Krankenkassen eingeführt wird, bleibt mir ein Rätsel. Statt dessen installiert man lieber ein gigantisch teures System, welches den eigentlichen Kostentreiber nicht entfernt.

Das Gesundheitssystem wird durch die elektronische Gesundheitskarte also nicht günstiger sondern verteuert sich einfach nur um 7 Milliarden Euro.


Der Gewinner steht jetzt schon fest:
Das Projektkonsortium „bIT4health“, bestehend aus den Unternehmen IBM, dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO), SAP, InterComponentWare und ORGA Kartensysteme. Diese 5 Unternehmen werden sich den Großteil der 7.000.000.000 Euro einstreichen. Traurig aber wahr, kontrollieren wird deren Arbeit niemand. Dazu ist das System viel zu kompliziert. Und wer kann am Schluss schon genau erkennen, dass es die ganze Leistung vielleicht auch für nur 2 Milliarden hätte geben können.

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