Der Shitstorm – eine Frage der Zensur?

Ein Shitstorm ist eine chaotische, ungute Situation. Es kann jeden treffen. Das Internet dient dabei als wunderbarer Multiplikator. Doch die wenigsten Opfer können mit der Situation gekonnt umgehen. Reflexartig wird daher vorschnell nach Zensur gerufen.

Eine falsche Äußerung oder eine unbedachte Handlung und schon ist man im Internet einem Shitstorm ausgeliefert. Die deutsche Übersetzung von Shitstorm sagt bereits alles: eine chaotische, ungute Situation. Es trifft dabei berühmte Persönlichkeiten ebenso wie Personen wie Du und ich. Aber auch Firmen sind davor nicht geschützt.

In gewissen Situationen neigen Menschen dazu, jeglichen Respekt und Anstand zu verlieren. Gerade in Diskussionen, die sich verselbständigen, fallen oft Vokabeln, welche weit unterhalb der Gürtellinie liegen. Die Palette reicht dabei von vulgär über beleidigend bis hin zu menschenverachtend. Betroffene (und gern auch Politiker) rufen in solchen Situationen gern nach Zensur. Doch es wird verkannt, dass Ursache und Wirkung bei einem Shitstorm oft stark zusammen hängen. Aktuelle Fälle beleuchten die Problematik:

  • Nach einem schlechten Spiel des FC Schalke 04 fordert ein Nutzer im Facebook-Profil von Timo Hildebrand den Torwart auf, sich zu erschießen.
  • Nach einem TV-Interview sieht sich die Schauspielerin Katja Riemann einem Shitstorm ausgeliefert und sperrt kurz darauf ihr Facebook-Profil und das Gästebuch ihrer Website.
  • Firmen wie Zalando (negative Berichterstattung wegen schlechter Arbeitsbedingungen) oder ING-Diba (Aufschrei von Vegetarier) waren dem Ansturm eines Shitstorms nicht gewachsen.

Zumindest im Fall von Katja Riemann kann man lapidar sagen:  wer sein Gesicht in eine Kamera hält oder selbst aktiv im Internet etwas veröffentlicht, muss mit öffentlicher Kritik leben. Es ist ein Geben und Nehmen. Den Vorteil der globalen Mediennutzung wollen alle genießen. Die globale Reaktion hingegen gefällt den wenigsten. Das größte Problem für die Opfer ist, dass sie einen Shitstorm weder einordnen noch verarbeiten können. Für die genannten Firmen waren die Auswirkungen übrigens weniger rufschädigend als erwartet.

Damals und Heute

Auf dem Schulhof von seinen Mitschülern gehänselt und erniedrigt zu werden, ist die kleine Form des Shitstorms. Weder Handy noch Internet gab es früher, welche die Verbreitung und globale Demütigung erleichtert hätten. So blieb es meist bei einem lokalen Protest.
Früher hatten die Leitmedien, also Verlage und Rundfunkanstalten, die volle Macht. Auf einen veröffentlichten Zeitungsartikel gab es für den engagierten Leser nur die Möglichkeit des Leserbriefes. Andere Formen der Meinungsäußerung waren so gut wie ausgeschlossen. Eine Veröffentlichung war jedoch nicht garantiert. Denn die Redaktionen publizierten nur das, was ihnen in den Kontext passt. Kurzum: es wurde zensiert. Gnadenlos.

Eine Reaktion auf einen Fernsehbericht was früher noch weitaus schwieriger. Man musste ein anderes Leitmedium finden, welches sich der Sache annahm. Ansonsten konnten die Rundfunkanstalten munter das verbreiten, was sie für gut und richtig erachtet haben.
Mit dem Internet haben sich die Kräfteverhältnisse grundlegend verändert. Der Sender ist zeitgleich auch Empfänger. Und der Medienkonsument ist nicht länger nur ein passiver Zaungast. Jeder kann sich aktiv beteiligen. Dies führt im Extremfall auch zu einem Shitstorm.

Demonstrationen auf der Straße finden wir legitim. Auch wenn sie in manchen Fällen sich ausschließlich auf eine einzige Person konzentrieren, so wie beispielsweise vor dem Haus von Markus Söder (CSU)  oder vor dem Haus des (ehemaligen) BER-Geschäftsführers Rainer Schwarz. Wo bleiben da die Persönlichkeitsrechte? Ein Shitstorm ist quasi eine veränderte Funktion einer Demonstration.

Und was ist mit Cybermobbing?

Vom Shitstorm kann man wunderbar eine Brücke zum Cybermobbing schlagen, weil es prinzipiell die selben Mechanismen nutzt. Links das Opfer, rechts der Täter. In manchen Fällen artet das Mobbing aus, weil aus einem Täter unzählig viele Peiniger werden. Im Extremfall wird ein singulärer Tatbestand zum allgemein gültigen Problem erklärt. Wie hier, wo ein 15-jähriges Mädchen wegen Cybermobbing sich selbst ermordet.
Der Mensch ist nicht fähig, Extremsituationen einzuordnen. Wir freuen uns zwar, wenn ein privates Video von einer Million Menschen betrachtet wird, doch wir können die Masse an Menschen nicht einordnen. Wir sind zugleich am Boden zerstört, wenn 1000 Menschen per Onlinekommentar uns peinigen. Reflexartig rufen wir nach Zensur weil wir uns anders nicht zu wehren wissen.

Viele Firmen haben bereits die Erfahrung gemacht, dass sie gegen einen Shitstorm nicht ankämpfen können. Man kann die Lage nur durch wohl überlegte und beschwichtigende Äußerungen zur Abkühlung bringen. Ein Shitstorm auf eine Privatperson lässt sich durch die selben Mechanismen entschärfen. Denn sowohl die Abwehr wie auch der völlige Rückzug befeuert die Gegner nur zum Weitermachen. Da die meisten Mobbing-Opfer in der entsprechenden Lage nicht zu wohlüberlegten Handlungen fähig sind, brächte es irgend eine Form der Fremdunterstützung. So etwas wie einen Mobbing-Coach oder einen Shitstorm-Mentor. Doch dazu fehlt sowohl in der Schulbildung als auch im sozialen Sektor das nötige Geld.

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