Wir sind überhaupt nicht Papst!

Der 19. April 2005 war ein sehr denkwürdiger Tag für die deutsche Bevölkerung. An diesem Tag wurde Kardinal Joseph Aloisius Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. erwählt. Einen Tag später titelte die BILD-Zeitung „Wir sind Papst!„. Davon merkt man dieser Tage herzlich wenig. Wenn Benedictus PP. XVI. von Donnerstag bis Sonntag die unterschiedlichen Stationen besucht, wird ihm nicht nur Wohlwollen und Begeisterung entgegen kommen. Sechs Jahre nach der Papst-Nominierung ist die Stimmung alles anderes als positiv anzusehen, wenn es um die katholische Kirche und ihr (deutsches) Oberhaupt geht.

Wir sind Papst!“ war lange Zeit eine vielfach genutzte Schlagzeile. War die Begeisterung und die Identifikation beim deutschen Volk nach der Papstwahl doch besonders groß. Dies mag maßgebend davon abhängen, da Ratzinger als erster Deutscher seit 1523 in dieses Amt gewählt wurde. Pünktlich zum Papstbesuch holt der Axel-Springer-Verlag die damalige Titelseite der BILD-Zeitung wieder aus dem Archiv. Dieses Mal wird die berühmte Schlagzeile allerdings in einer dezent größeren Version produziert. Die archivierte Schlagzeile vom 20.4.2005 wird als 45 mal 64 Meter großes und 2470 Kilo schweres Plakat an der Fassade des 19-stöckigen Axel-Springer-Hauses hängen.

In den letzten sechs Jahren ist viel passiert und vieles davon hat der katholischen Kirche mehr geschadet, als es ihr genutzt hätte. Ein Holocaust-Leugner in den eigenen Reihen, dessen Exkommunikation (Austritt) wieder zurück genommen wurde. Unzählig viele Missbrauchsfälle. Eine selten unglückliche Kommunikation über diese Missbrauchsfälle. Selbstgefällige und selbstherrliche Bischöfe, die über den Dingen stehen. Finanzielle Verstrickungen in ethisch bedenkliche Unternehmen. Ignoranz und Herabsetzung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften. Und noch vieles mehr. All dies führte zu einem massiven Austritt aus der katholischen Glaubensgemeinschaft. Im Jahr der Papstwahl wurde ein historischer Tiefstand von 89.500 Austritten verzeichnet. Im letzten Jahr waren es mit 181.100 hingegen doppelt so viele. [Quelle] Geht diese Entwicklung ungehindert so fort, wird in ca. 100 Jahren die katholische Kirche in Deutschland keine Mitglieder mehr haben.

Die Kirche hat den weltlichen Anschluss komplett verpasst. Obwohl die katholischen Einrichtungen an der Basis gute und wertvolle Arbeit leisten, herrschen an der Spitze im Vatikan altertümliche Tugenden. Man predigt Wasser und säuft selber Wein. So könnte man es bildhaft in liturgischer Sprache ausdrücken.
Wenn man im 21. Jahrhundert sich immer noch vehement gegen die Homosexualität stellt und sie als Krankheit bezeichnet, muss man eigentlich von traumatischer Amnesie sprechen. Ein Club alter Männer verteufelt eine totgeschwiegene Gruppe im eigenen Lager. Ebenso ergeht es den Opfern der sexuellen Übergriffe. Da dies Jahrzehnte zurück liegt, ist heute alles halb so schlimm. Wenn dann noch der örtliche Priester in seiner Predigt etwas über Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit erzählt, ist es völlig vorbei mit der Glaubwürdigkeit. Das katholische Vieh auf den Rängen soll brav seine Kirchensteuer (derzeit 9%) zahlen und ansonsten nicht all zu viel nachdenken.

Und nun kommt er endlich nach Deutschland: Benedikt XVI. In Berlin werden ihn ca. 70.000 Anhänger im Olympiastadion bejubeln. Ebenso werden aber auch wahrscheinlich über 10.000 Personen auf einer Anti-Papst-Kundgebung demonstrieren. Die Stimmung im Land könnte gespaltener nicht sein. Die einen verehren ihn, die anderen halten einfach für einen berühmten, alten Mann. In Berlin ist mancher jedoch sichtlich genervt vom zu erwartenden Trubel. Die Absperrungen behindern viele Bürger und es gelten zudem verschärfte Sicherheitsvorkehrungen. So müssen in manchen Straßenzügen alle Fenster geschlossen werden. In der RBB-Abendschau wurde ein Anwohner gefragt, ob er kein Verständnis für die Vorkehrungen hätte. Seine lapidare Antwort: „Ich find’s ein bisschen übertrieben.“

Benedetto XVI., wie er in Italien genannt wird, hält nicht viel vom Rummel, welcher über seine Person gemacht wird. Er möchte nicht wie ein Popstar behandelt werden. Dennoch gibt es sich freiwillig dem ganzen Treiben hin. Aber so ist das nicht nur bei Papstbesuchen. Auch sonst begleitet die Kirche eine stellenweise schizophrene Denkweise. Ende August befragte die Bertelsmann-Stiftung die Deutschen zu den Erwartungen zum Papstbesuch: 53 Prozent gehen davon aus, dass der Aufenthalt des Oberhauptes der katholischen Kirche keine entscheidenden Impulse bringen wird. Na dann: Herzlich willkommen!

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