SFB-Nachrichten von 1989 – grotesk und unqualifiziert

Die Tage im Oktober 1989 waren für Ost- wie auch für Westdeutschland eine der bewegendsten Zeiten der beiden Staaten. Täglich flüchteten Hunderte Ostbürger in den Westen. Die DDR war „angezählt“. Im Grunde eine spannende Zeit für jeden Journalisten. Dem SFB waren jedoch romantische Bilder wichtiger.

Der öffentlich-rechtliche Sender RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg) hieß früher SFB (Sender Freies Berlin). Damals wie heute gibt es um 19:30 Uhr eine Abendschau mit den aktuellen Nachrichten und Berichten des Tages. Damals beschränkte sich die Themenlage größtenteils auf West-Berlin. Ab 1990 wurde dann – bedingt durch die Wiedervereinigung – über und aus ganz Berlin berichtet. Die Abendschau ist für Berlin und Brandenburg von der Bedeutung her vergleichbar mit der Tagesschau für ganz Deutschland.

Derzeit zeigt der RBB täglich in der Nacht eine alte Folge dieser Abendschau von vor 25 Jahren. Gestern Nacht wurde die Ausgabe vom 17. Oktober 1989 ausgestrahlt. Die Sendung hätte angesichts der aktuellen, politischen Lage in der DDR nicht grotesker beginnen können. Es wurden zu Beginn 30 Sekunden lang romantische Herbstimpressionen gezeigt untermalt von melancholischer Jazzmusik. Arvid Wahl begrüßte danach die Zuschauer mit folgenden Worten:

Guten Abend liebe Zuschauer. Mit diesen Bildern von diesem schönen Herbsttag begrüßen wir Sie, auch wenn die Themen einer aktuellen Sendung die uns das Tagesgeschehen vorschreibt, meistens wenig Idyllisches an sich haben.
Gestern gab es in Leipzig die größte, nicht-staatlich organisierte, friedliche Demonstration seit Bestehen der DDR.

Man fühlt sich wie in einem komplett falschen Film. Tags zuvor – am Montag den 16. Oktober 1989 – gingen mehrere Zehntausend Leipziger auf die Straße und demonstrieren für Reise- und Pressefreiheit sowie freie Wahlen. Der legendäre Ausruf „Wir sind das Volk“ wird jedem noch in den Ohren klingen. Die Regierung der DDR war angezählt, wen auch der Tag der Republik der DDR am 7. Oktober noch nach Plan abgehalten werden konnte.

In der alten Ausgabe der Abendschau folgte ein Interview mit Hans-Jochen Vogel zur Flüchtlingssituation und zur politischen Lage der DDR. Danach gab es Nachrichten über die Problematik der Übersiedler in den Flüchtlingsheimen. Es gab eine offensichtliche Hackordnung zwischen Ostdeutschen, Polen und Roma. Der Heimleiter äußerte: „Je schwärzer die Hautfarbe, desto tiefer ist die Stufe auf dem die Leute stehen„. Weitere 3:30 Minuten füllte man in der Sendung noch mit einem Hinweis in eigener Sache. Die Sendung „MAZ ab!“ mit Harald Schmidt wurde das erste Mal in der ARD ausgestrahlt. Grund genug für ein lauschiges Interview zur besten Sendezeit.

Sicher hat sich die Qualität von damals zu heute stark verbessert. Eine aktuelle Aussage von Peter Boudgoust, Intendant des SWR, zum geplanten Jugendkanal der Öffentlich-Rechtlichen könnte nicht passender wirken. Er sieht Deutschlands Jugend mit Youtube, privatem Trash-TV und Katzenvideos der medialen Verwahrlosung ausgesetzt. Wenn alte Herren einem die Internetwelt erklären wollen, sollte man dies als Warnsignal sehen. Offensichtlich sind freiwillig ausgesuchte Katzenvideos aus einem Videokanal etwas anders wie romantische Herbstimpressionen verpackt in einer per Grundversorgung definierten Nachrichtensendung. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk gibt sich der Lächerlichkeit preis und zeigt „eindrucksvoll“, wo die Prioritäten liegen.

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