Autopflege grotesk

Bitte einmal die Premiumwäsche.“ „Danke. Das macht dann 12,50 Euro.“ So könnte eine ganz normale Unterhaltung zwischen einem Autobesitzer und dem Waschstraßenmitarbeiter verlaufen. Für die Pflege ihrer Metallkutschen ist den Deutschen das Teuerste gut genug. Schließlich muss das kostenintensive Stück immer gut gepflegt werden. Der Wertverfall der 1500 Kilogramm Stahl und Plastik sind enorm genug. In dieser Idylle muss nicht auch noch ein verschmutztes Auto stören.

Es soll Zeitgenossen geben, die an und für ihr Automobil mehr Pflege aufkommen lassen als am eigenen Körper. Fürs eigene „Getriebe“ nimmt man gern mal die günstigen Noname-Produkte aus dem Drogeriemarkt. Bei vielen kommt die Körperpflege nicht über das tägliche (und eventuell einmalige) Zähneputzen und das ein- oder zweimalige Duschen in der Woche nicht hinaus. Mehr braucht’s auch nicht, obwohl die Auswahl in der Drogerieabteilung nicht größer genug sein könnte.

Im Autozubehörhandel kann man sich vor der überwältigenden Auswahl ebenfalls kaum retten: Kunststoffspray, Metall- und Chrompolitur, Lederpflege, Polsterschaumreiniger, Glasreiniger, Duftbäumchen, Schaumpflege, Wisch- und Politurtücher, Unterbodenschutz, usw. Von Noname bis teure Luxusmarken findet man alles, was das Autoherz höher schlagen lässt. Bewaffnet mit einem großen Korb an Reinigungs- und Poliermitteln geht es zur wöchentlichen Putzaktion in die Waschstraße; zuerst die automatische Wäsche in der Anlage und danach die zeitraubende Handreinigung. Mit viel Ausdauer wird jedes noch so kleine Eck ausgesaugt, mit noch mehr Liebe die Politur aufgetragen, „einmassiert“ und wieder entfernt.
Und damit das Auto auch noch Wochen später gut duftet, wird kurzerhand ein oder zwei Duftbäumchen in den Innenraum gehängt. Ich persönlich halte von diesen parfümierten Industrieprodukten nicht all zu viel. Denn meistens ist der Geruch so penetrant nervig, dass er mir in kürzester Zeit aufs Gemüt schlägt. Aber viele Zeitgenossen schätzen und lieben den künstlichen Duft von Tannennadeln. Egal. Hauptsache es duftet im Innenraum perfekt gut.

Aber dem Duftbäumchen nicht genug. Jeder Glasreiniger hat heutzutage sein eigenes Düftchen. Ob Orangen- oder Apfelduft, ganz normalen Glasreiniger gibt es kaum mehr. Auch der Lederspray richt entweder nach echtem(?) Leder oder nach herb-männlichen Moschuss. Die Politur gibt es in den Geschmacksrichtungen Zitrone oder Ozean. Der Kunststoffspray verbreitet sommerliche(?) oder frühlingshafte Düfte und selbst eine Schaumwäsche muss nach irgend einem chemisch-künstlichen aber dennoch natürlichem(!?) Geschmäcklein sein. Da manche der Putzfanatiker ihren letzten Obstsalat im Vorschulalter gesehen haben, ist dieser ganze Duftirrgarten nicht weiter tragisch.

In manchen Prospekten für Autoteile und Zubehör gibt es mehr Seiten für Reinigungs- und Pflegeartikel als in einem Yves-Rocher-Katalog. Geradezu wissentschaftlich wird manches Gebiet betrieben. Über das korrekte Auftragen und spätere wieder Abtragen von Polituren wurden schon ganze Sendungen im Fernsehen gefüllt. Und obwohl das Auto wieder durch Regen und Dreck gefahren wird ist es dennoch wichtig, dass alles gut richt und zumindest für den einen Sonnentag richtig strahlend sauber war.

Der Deutsche liebt sein Auto. Manche sind so sehr in ihr vierrädriges Gefährt verknallt, dass am Wochenende die Autopflege Vorrang vor der Freundin hat. Die zweibeinige Schönheit läuft ja – mit viel Zureden – nicht weg. Das Auto könnte aber vor der Sonntagstour nicht im ordnungsgemäß hochglanzpolierten Zustand sein. Das wäre weitaus tragischer als eine saure Lebenspartnerin. Eine zickige Freundin ist noch erträglich. Ein dreckiges Automobil hingegen könnte für manche Freunde der gepflegten Autoreinigung der Beinahetod sein.

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