Liebe Zugführer: Streikt doch!

In den Online- oder Printmedien wird über den Streik der Lokführer ein völlig falsches Bild erzeugt. Streiken ist ein Grundrecht und sollte auch von wütenden Journalisten so gesehen werden. Was soll ein Streik bewirken, der keinem schadet?

Es ist erstaunlich, wie einseitig die versammelte Journallistenschar sich auf die Seite der Wutbürger schlägt. In der harmlosen Form wird von einem verantwortungslosen Handeln der GDL geredet. In der gesteigerten und hasserfüllten Form ist von Ignoranz und Großherrschaftssucht des Herrn Weselsky die Rede. Bei einem Streik liegen die Nerven eben schnell blank. Und noch mehr schmerzt es uns, wenn es sich dabei um Infrastrukturen handelt. Dennoch sollte gerade die Presse einen neutralen Beobachter geben und keine Meinungsmache betrieben.

Es kam schon öfters mal vor, dass der Müll über mehrere Tage liegen blieb, weil die Öffentliche Dienste in einen Arbeitsstreik gegangen sind. Oder auch Kitas blieben schon mal für mehrere Tage geschlossen. Die Auswirkungen sind in beiden Fällen überschaubar, auch wenn man sich im Einzelfall darüber aufregen wird. Geht es derzeit nach den Redakteuren der großen Verlage, so darf eine so wichtige Infrastruktur wie die Bahn nicht bestreikt werden. Das verstößt gegen die erste kapitalistische Erwerbsregel: das Bruttoinlandsprodukt ist von jeglichem Schaden zu verschonen. Und so ein Lokführerstreik schadet dem BIB (Bruttoinlandsprodukt) ganz erheblich. Güter bleiben liegen, Arbeiter kommen nicht pünktlich oder gar nicht zur Arbeit, Geschäftsreisende müssen Termine verschieben, Touristen kommen nicht zu ihrem Reiseziel und auch sonst empfindet jeder eine massive Einschränkung (an irgendwas).

Als Lokführer verdient man nach vielen Betriebsjahren unter 2000 Euro Netto. Das ist nicht viel im Verhältnis zur Verantwortung. Als ICE-Lokführer steuert man bis zu 1000 Fahrgäste durch die Landschaft. Man muss früh morgens ebenso arbeiten wie spät nachts. Auch am Wochenende müssen die Züge geführt werden. Und die Berufsgruppe der Lokführer hat regelmäßigen Kontakt mit Suizidopfer. Knapp 900 Personen nehmen sich pro Jahr auf deutschen Schienen das Leben. Die Lokführer sind die Leidtragenden dieser Selbsttötungen, da viele danach an psychischen Störungen leiden. Ein Pilot hingegen braucht zwar ein größeres Wissen für die Technik, seine Verantwortung teilt er aber mit einem Co-Piloten und einer Flugkontrolle. Und mit Suiziden haben Piloten in der Luft auch keine Probleme.

Jeder Arbeitnehmer hat das Recht zu streiken; so ist es sogar in unserem Grundgesetz verankert. Jeder muss die Möglichkeit haben, über eine Arbeitsniederlegung auf Missstände aufmerksam zu machen. Zumal erst immer dann gestreikt wird, wenn vorherige Verhandlungen mit dem Arbeitgeber gescheitert sind. Wir haben uns in vielen Berufen von einem Streik entwöhnt, weil er durch fehlende Betriebsräte und fehlende Mitgliedschaften in einer Gewerkschaft gar nicht mehr möglich ist.
Wann haben sie das letzte Mal das Reinigungspersonal streiken sehen?  Wahrscheinlich noch gar nie. Oder wie sieht es auf dem Baugewerbe aus? Wann haben die Maurer, Elektriker und Fließenleger letztmalig einen Ausstand gehalten?

Wir sind verwöhnt, dass alles jeden Tag in seinen geordneten Bahnen verläuft. Dies ist gut und wichtig, aber noch lange kein Grund, es als selbstverständlich zu betrachten. Gewiss unterscheidet uns dies von anderen „Bananenstaaten“, aber wir sollten uns nicht als zu übermächtig sehen. Es sollte immer noch der Mensch im Fokus stehen und erst in zweiter Konsequenz die erwirtschaftete Leistung. Wirtschaftlicher Schaden hin oder her. Wir bleiben auch mit ein paar Streiktagen eine erfolgreiche und führende Wirtschaftsnation. Wer es nicht versteht, dass man streiken darf und kann, sollte sich fragen, ob er selber nicht gern mal streiken würde. Und wie andere dies dann sehen würden. Selbstreflexion nennt sich das. Leider sind viele dazu nicht fähig, da der Puls automatisch auf 200 geht, wenn wieder die Rede von einem Bahnstreik ist.

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