Über das selbst gestellte Bein gestolpert

Die Presse  sieht sich ihren Lesern verpflichtet, jeder interessanten Geschichte nachzugehen und darüber zu berichten. Dazu ist es meistens notwendig, den Ort des Geschehens aufzusuchen. Doch wie verhält es sich, wenn man darüber schreiben möchte, wie sehr ein Ort durch zu viele Journalisten überrollt wird und man selbst einen Berichterstatter dort hin entsendet?

Bei Unfällen gibt es den Begriff des Gaffers. Das sind Personen, welche die Rettungskräfte und/oder den Verkehr durch neugierige Blicke behindern. Ein Gaffer steht vorzugsweise in der ersten Reihe, wenn es irgend wo etwas zu bestaunen gibt. Bei Pressevertretern kann man indes nicht von Gaffern sprechen, da diese Personen sich der Berichterstattung – aus erster Hand – verpflichtet haben.
Für den nachfolgenden Fall gibt es leider keinen passenden Begriff. Man könnte es mit gaffendem Journalismus umbeschreiben. Es geht um das beschauliche Dörfchen Aiglsham in Oberbayern. Die Anwohner sind genervt vom Ruhm, der sich um die prominenten Bewohner des Dorfes dreht: Bauer Josef und seine thailändische Ehefrau Narumol, bekannt aus der RTL-Serie „Bauer sucht Frau„. Dorfbewohner erzählen dem Reporter, dass an einem Wochenende manchmal so viele Autos durch das Dorf fahren wie in einem ganzen Monat.

Der Artikel zeigt die Schattenseiten der Berichterstattung. Der Leser sehnt sich nach Geschichten über das Bauernglück und die Reporter liefern die Informationen dazu. An diesem Umstand kann man kaum etwas ändern, weil dazu beide Seiten sich ändern müssten. Grotesk wird es allerdings dann, wenn ein Pressevertreter von sich aus kritisiert, wie unmenschlich die ganze Szenerie ist und welche Belastung die Mitmenschen (in dem Dorf) hinnehmen müssen. Zum Beweis und für die nötige Recherche fährt der Pressevertreter natürlich selbst dorthin. Schließlich möchte man die Berichterstattung zu diesen Umständen nicht der Konkurrenz überlassen; welche natürlich auch regelmäßig vor Ort ist.

© Screenshot: sueddeutsche.de, Link zum Artikel auf sueddeutsche.de

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Ein Kommentar

  1. Naja – ihr habt jetzt über die Journalisten geschrieben, die über die Journalisten geschrieben haben. Wenigstens war von verbloggt niemand vor Ort.

    Viel besser ist das allerdings auch nicht…

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