Stampit – ein Software-Fiasko in 3 Akten

Stampit – Briefmarken zum Selberausdrucken. Prinzipiell eine prima Sache, doch die Deutsche Post hat bei ihrem Stampit gründlich geschlampt. Ein Stück deutsche Ingenieurskunst, wie sie nicht schlechter hätte entwickelt werden können. Die Bedienung ist viel zu kompliziert, die Installation der der Stampit-Software klappt nur unter ‚idealen‘ Voraussetzungen und auch sonst treibt die Deutschen Post wohl eher die pure Paranoia statt kundenfreundliche Effizienz.

Stampit gibt es in drei ‚Geschmacksrichtungen‘: Stampit Home für den Privatanwender, Stampit Business für den Geschäftskunden und Stampit Web für den mobilen und unabhängigen Einsatz. Allen gemeinsam ist die zugrunde liegende Technik: man wählt den gewünschten Betrag für die Barcode-Briefmarke, gibt seine Benutzerdaten ein und erhält dann einen Ausdruck samt Empfängeradresse und Stampit-Marke. Bei der Web-Version erhält man in einem Zwischenschritt ein PDF-Dokument, welches man dann ausdrucken kann. Bezahlt wird per virtuellem Konto, welches man per Überweisung mit einem bestimmten Betrag aufladen kann. Beim Ausdruck einer Stampit-Marke wird von diesem virtuellen Konto der entsprechende Betrag abgezogen.

Die verbockte Installation.
Eine Installationsroutine für ein einfaches Programm kann unter Windows keine großen Hürden bereit halten. Pustekuchen! Bei Stampit sieht die Windowswelt leider etwas anders aus. Die Installation funktioniert nur, wenn die Windows-Version eine deutsche Lokalisierung enthält. Auf einem englischsprachigen Windows versagt die Installation, da der Benutzer ‚Jeder‘ nicht gefunden werden kann. Wieso die Installationssoftware solch großen Wert auf diese Benutzerbezeichnung legt, ist mir bis dato ein Rätsel. Ohne Administratorrechte kommt man schon gleich gar nicht zum Ziel. Versucht man das Installationsprogramm auszutricksen, indem man den englischen Benutzer ‚Everyone‘ kurzerhand in ‚Jeder‘ umbenennt, funktioniert zwar die Installation. Doch spätestens beim Öffnen der Stampit-Anwendung stößt man auf das nächste Rästel: der Besitzer verfügt nicht über ausreichende Rechte; selbst die Arbeit als Administrator hilft in diesem Fall nicht weiter. Die Software lässt sich auf einem englischsprachigen Windows somit nicht nutzen. Schade um die Arbeit. Bei der Deutschen Post scheint dies allerdings niemanden zu stören.

Windows-only.
Ein weiteres Manko dieser deutschen Ingenieurskunst ist, dass es diese Software nur für Windows gibt. Weder Mac-Freunde noch Linux-Anwender können Stampit unter ihrem Betriebssystem nutzen. Obwohl es bspw. für Linux und Mac bereits eine Alternative gäbe – GNUStamp – mangelt es an der Zulassung durch die Deutsche Post. Sie hat angeblich Bedenken, durch diese freie Software könnte ihre Infrastruktur von Stampit gefährdet werden. Die größte Gefahr liegt in meinem Augen allerdings im Original. Wie unlängst in der Presse zu erfahren war, konnte man mit einfachen Mitteln die Stampit-Marken anderer Benutzer entwerten. Stampit vergibt nämlich fortlaufende Identitätsnummer für seine Stampit-Briefmarken. Man muss somit nicht einmal raten, welche Marke man virtuell entwerten möchte.
Nun könnte man annehmen, dass zumindest die Version Stampit-Web auch unter Linux funktionieren könnte. Aber da hat man die Rechnung ohne die Deutsche Post gemacht. Der notwendige Acrobat PDF-Reader kommt unter Linux nicht mit dem speziellen PDF-Dokument zurecht. Der Reader müsste nämlich eine Verbindung zum Stampit-Server aufbauen, um die Marke zu entwerten, sobald sie ausgedruckt wird. Dies klappt allerdings nicht. Es scheitert schon an der Auswahl des Druckers – „keiner vorhanden“ prangert es in dem Hinweisfenster. Das verkorkste Javascript in dem PDF-Dokument der Stampit-Ausgabe tut sein übriges.

Lieber kompliziert als einfach.
Deutsche Ingenieure und vorneweg deutsche Firmen lieben es bei technischen Lösungen gern kompliziert. Wahrscheinlich möchte man den anderen gern beweisen, was man so drauf hat. Nur oft geht der komplizierte Weg nach hinten los. Stampit reiht sich hier nahtlos in die Flop-Liste schlechter Software ein. Es gäbe Ansätze für eine einfache Lösung. Doch irgendwo ist die Angst einer unkontrollierten Benutzung größer als der Vorteil einer einfachen Bedienung für den Kunden.
Bei Stampit benötigt man diverse Vorgaben, damit man an seine selbstgedruckten Briefmarken gelangt: Windows-Betriebssystem, Stampit-Software und Acrobat-Reader. Obwohl beim Versand der Briefe und Pakete die Stampit-Marken elektronisch ausgewertet werden, um somit eine illegale Mehrfachverwendung auszuschließen, hält es die Deutsche Post für zwingend notwendig, eine reichlich komplizierte Verfahrensweise einzusetzen. Jedem Entwickler ist allerdings bewusst, dass je komplexer ein System wird, umso anfälliger und unübersichtlicher wird es. Bei der IT-Entwicklungsabteilung der Deutschen Post verfährt man allerdings nach wie vor nach dem Motto „Augen zu und durch“.

Simpel, kundenfreundlich, unabhängig. No way!
Eine einfache und für den Kunden leicht zu bedienende Lösung könnte folgendermaßen aussehen:
Auf einem Internetformular gibt der Kunde seinen Daten für das gewünschte Porto ein. Danach loggt er sich mit seinen Daten ein und als Ergebnis erhält er eine Grafik mit der Stampit-Marke. Diese Grafik könnte der Kunde speichern, in ein Textdokument einbauen, gesondert ausdrucken, was auch immer …
Die Angst bei der Deutschen Post hat einen Namen: Mehrfachverwendung. Hat der Kunde eine leicht handhabbare Grafik, könnte er diese mehrfach ausdrucken. Aber da gibt es doch noch die interne Kontrolle der Post. Auffallen würde ein solches Verhalten allemal. Doch was einfach ist, kann angeblich in den Augen der Deutschen Post nicht gleichzeitig auch gut sein.

Selbstinszenierter Genickschuss.
Manche Dinge könnten so einfach sein. Doch dazu müssten sich erst einmal ein paar Entscheidungsträger bei der Deutschen Post von ihren Stützstrümpfen lösen und das Blut wieder zurück in den Kopf fließen lassen. Solange bleibt das Selberausdrucken von Stampit-Briefmarken ein Martyrium erster Güte.
Stampit ist prinzipiell eine gute Idee. Die Umsetzung ist allerdings grauenhaft gelöst und spiegelt das übliche Verhältnis von IT zu Verbrauchern in Deutschland wieder. Man traut sich einander nicht. Lieber wird eine Lösung komplett in den Sand gesetzt, als dass man einen Schritt auf den Kunden zugehen würde. Die Selbstinszenierung und Arroganz mancher Firmen steht im krassen Widerspruch zum angekreideten Konsumverzicht deutscher Verbraucher. Manchmal könnte der Umsatz weitaus höher ausfallen, wenn man als Kunde nicht unentwegt gegängelt würde.

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4 Antworten zu Stampit – ein Software-Fiasko in 3 Akten

  1. Stefan Schmidt 5. Oktober 2007 um 09:15 #

    Und seit es das schöne Programm in version 4.0 Business gibt kann man es auch nicht mehr aut eine Windows Server 2003 installieren….

    Sehr toll wenn man z.B. Remote Arbeitsplätze hat.

    bye

  2. Bernd 4. Juli 2011 um 18:36 #

    Hallo!
    Nun ist die kompliziert zu handhabende Software endlich vom Tisch!
    Danke für’s kaufen der Lizenz – aber das war’s jetzt!

    Ich werde ab sofort wieder die schöne alte Briefmarke (Postwertzeichen) benutzen,
    schön weit oben links aufgeklebt, dann freut sich der Empfänger vielleicht noch über eine daneben gestempelte Briefmarke —> abgelöste und frei zum nochmals benutzen…

  3. Heiko 4. Juli 2011 um 21:39 #

    Die von der Post hochgelobte Alternative: die Internetmarke ist schon gar nicht zu gebrauchen: Es werden nur wenige Etiketten unterstützt, man kann nicht wählen, wo auf dem Blatt (auf welchem Etikett) der Andruck erfolgt und die Adressbücher muß man jedes mal neu hochladen. Zum Dank fliegt man spätestens nach 5 min aus der Sitzung. Aber ich brauch mir ja bloß den E-Postbrief angucken, um zu sehen, was die Post für IT-Leute eingestellt hat. Meines Wissens gibt es kein einziges brauchbares Softwareprodukt der Post! Weiter so!

  4. Wolle 11. Oktober 2011 um 20:23 #

    Wir versenden neben Paketen ca. 600 Büchersendungen pro Monat. Dafür war Stampit klasse. Empfängeradresse per Copy & Paste aus dem Online Shop in Stampit kopieren, Wert auswählen (wenn nötig), Druck auf Etikettendrucker – fertig. Zeitaufwand ca. 15 sek pro Büchersendung. Wenn ich mir Internetmarke dazu anschaue arrrghhhh. 4 Steps durchlaufen, jedes Adressdetail Name, Vorname, Strasse, Haussnummer, PLZ, Ort etc… alles einzeln reinkopieren……..Zeitaufwand ca. 3min pro Sendung. Schnittstelle zur Adressübertragung Fehlanzeige, 4 aufwendige Steps, alles in Einzelfelder usw… Das nenne ich mal Fortschritt. Good by DHL es war mal so schön mit dir, etwas dümmeres als Internetmarke oder dieses tolle Word ad on hättet ihr wirklich nicht machen können!

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