Sat.1 Newtopia wird zu Katastrophika

Newtopia galt für Sat.1 als der große Hoffnungsschimmer für das Jahr 2015. Mit viel Aufwand und noch mehr Geld hat Sat.1 eine Art Langzeit-Big-Brother gestartet. Die Quoten werden jedoch zusehends zum einem Problem für den Sender.

Zuletzt fiel die Sendung auf unter 8 Prozent Marktanteil (in der werberelevanten Zielgruppe). In den USA wurde die Adaption „Utopia“ mangels Zuschauerinteresse nach acht Wochen abgebrochen und hinterließ ein großes Kostengrab in Millionenhöhe. Nur in den Niederlanden konnte das Original „Utopia“ überzeugen und läuft dort bereits seit über einem Jahr. Dass sich der Erfolg einer Formates nicht eins zu eins über Ländergrenzen hinweg kopieren lässt, musste auch schon RTL schmerzhaft erfahren. Beim Kölner Sender floppte zuletzt die groß angekündigte Sing-Show „Rising Star“, obwohl das Original in Israel ein voller Erfolg war.

Zurück zum Freiluft-Neue-Gesellschaft-Versuch vor den Toren Berlins. Sat.1 hat für Newtopia die Hamburger Produktiongesellschaft Talpa Germany beauftragt. Wieso gerade diese Firma den Zuschlag erhalten hat, ist auf den ersten Blick nicht klar. Denn Talpa hat in der Vergangenheit hauptsächlich kleinere und größere Unterhaltungsshows produziert; so unter anderem „Voice of Germany“, „Sing meinen Song“, „Ein Herz für Kinder“ oder „Die goldene Kamera“. Mit Reality-Live-Entertainment hat man hingegen bis dato keine Erfahrungen.

Vielleicht ist dies ein Problem von vielen, wieso „Newtopia“ nicht so läuft, wie sich das der Sender gern wünschen würde. Die Produktionskosten sind auf alle Fälle enorm. Irgendwo war einmal die Zahl von 100 Mitarbeiter zu lesen. Das Ergebnis ist für diesen Einsatz jedoch äußerst dünn. Im Internet hat man die Auswahl zwischen vier Live-Streams. Den ersten gibt es gratis oder alle Streams mit ein paar zusätzlichen Gimmicks für 4 Euro pro Monat. Montags bis Freitags gibt es auf Sat.1 eine Tageszusammenfassung von 45 Minuten. Das war es im Großen und Ganzen.

Die Auswahl der Kandidaten, die sich in dieser Show Pioniere nennen, halte ich insgesamt für ausgeglichen. Jede Sparte ist irgendwie vertreten: Handwerker, Landwirt, Koch, Faulenzer, die Querulanten und Aufbrausende und auch Emotionale sind unter den Teilnehmern. Die Pioniere streiten sich, die ersten lieben sich, sie reden viel, sie erledigen die täglichen Arbeiten und manche zweifeln an der Entscheidung, sich für dieses TV-Experiment gemeldet zu haben. In den ersten acht Wochen der Show sind bereits fünf Pioniere ausgeschieden – drei davon freiwillig.

Die fünf größten Probleme von „Newtopia“

  • Erzählweise
    Bei Big-Brother gibt es konkrete Vorgaben. Die Bewohner müssen dort beispielsweise vorgegebene Aufgaben erfüllen, in Spielen gegeneinander antreten oder konkrete Anweisungen eines „Big-Brothers“ befolgen.
    Bei „Newtopia“ hingegen läuft alles ohne inhaltliche Kontrolle. Man möchte in diesen Format bewusst auf jegliche Einmischung von Außen verzichten Dies führt jedoch zu der schwierigen Situation, dass das Produktionsteam nicht planen kann. Fernsehen lebt von (gut) erzählten Geschichten. Wenn es jedoch keine vorgegebene Story gibt, muss man notgedrungen jeden Tag das Melken der Kühe zeigen.
  • Live-Stream kontra Tageszusammenfassung
    Der Live-Stream läuft angeblich mit einem Versatz von circa 3 Minuten. Die Auswahl der Kameras ist dabei eher zufällig. Stark zeitversetzt kommen die Ereignisse ins Fernsehen. Die Tageszusammenfassungen liegen meistens drei bis vier Tage hinter dem aktuellen Tag in „Newtopia“. Wer also das Geschehen im Live-Stream verfolgt, kann sich die Zusammenfassungen im TV kneifen. Und wer ab und zu auf beiden Kanälen zuschaut, wird verwirrt schnell wieder ausschalten.
    Davon abgesehen blendet man bei Sat.1 das Wochenende komplett aus. Am Samstag und am Sonntag gibt es keine Tageszusammenfassung, so als ob das Leben in „Newtopia“ nur unter der Woche statt finden würde.
    Zuletzt gab es in diversen Foren starke Kritik am Live-Stream. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Regie bestimmte Bewohner zu sich ruft und für diese Aktion den Live-Stream kurzerhand unterbricht.
  • Geldprobleme
    Die Pioniere hatten ein Startkapital von 5.000 Euro. Davon ist nicht mehr viel übrig, da bereits viele Anschaffungen getätigt wurden. Melkmaschine, Laptop, Heizofen, Waschmaschine, Handy, Strom, Internetzugang, und vieles mehr. Anfangs wurde auch munter Kosmetika und viel unnützes Zeugs gekauft.
    Da die Pioniere selber das Camp nicht verlassen dürfen, außer in Notfällen, muss die Arbeit und damit das Geld zu ihnen ins Freiluft-Studio kommen. Dabei gibt es den einen und anderen fragwürdigen Deal. Ein Fan(!?) hatte 5.000 Euro geboten, um von Bewohner Candy den Zottelzopf abschneiden zu dürfen. Wenn es so einfach wäre, aus der Geldnot zu kommen, bräuchten sich die Bewohner keine weiteren Sorgen machen.
  • „Newtopia“ hat keine eigenen Regeln
    Das Interessante an „Newtopia“ ist eigentlich, was die Pioniere aus einem Stück Land mit ein paar Tieren machen. Welche Gesellschaftsform wählen sie? Werden sie zum Selbstversorger oder gründen sie ein kleines Imperium? Revolution? Anarchismus? Totalitarismus? Oder doch der gewohnte Wohlfühl-Kapitalismus?
    Hinter den Toren „Newtopias“ gelten die selben deutschen Gesetze und Vorschriften wie außerhalb der Umzäunung. Die Pioniere müssen bei einem Auftrag mit der Außenwelt in Euro bezahlen. „Dank“ Laptop und Internet unterscheiden sie sich jetzt schon kaum von uns allen. Die Hoffnung dass in „Newtopia“ etwas Neues entsteht, kann man jetzt schon begraben.

Die Produktionsfirma Talpa hat wohl schon zu Beginn die Probleme kommen sehen und fragt auf der Projektseite zurecht: Welche Gesellschaft erschaffen die „Newtopianer“? Wird es das ultimative Glück – oder das komplette Chaos? Die Bloglounche nennt es „Betreutes Wohnen“. Und wenn das Geld ausgeht, verlässt man einfach das Camp und kehrt zurück in seine Komfortzone.

 


[Korrektur, 11.04.2015 15:00 Uhr]
Im Originaltext war von 10.000 Euro Startkapital zu lesen. Außerdem wurde behauptet, dass das Angebot von 5.000 Euro fürs Haareschneiden angenommen wurde. Dem ist nicht der Fall.

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