Easy-Abi wird zu Reinfall-Abi

„Easy-Abi“, das klingt nach einem leichten Abitur. Es ist damit allerdings nicht irgend eine Lernhilfe gemeint. „Easy-Abi“ heißt eine Firma aus Berlin, welche den Absolventen der Allgemeinen Hochschulreife das Organisieren abnimmt. Die Easy-Abi GmbH bietet für ca. 450 Euro alles, was die Abiturenten gegen Ende ihrer Schulzeit glücklich macht: eine Abi-Reise samt Abi-Ball, das Abi-Buch und selbst ein passendes Abi-Shirt ist in dem Preis inbegriffen. Doch seit einigen Tagen ist bei der Berliner Firma niemand mehr zu erreichen. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen. Man geht von Betrug aus – im großen Stil. Der Tagesspiegel berichtet, dass angeblich ca. 40 Schulen betroffen sind. „Sauerei“ schreien die Betroffenen. „Selbst schuld“ kritisieren die Unbeteiligten.

Als ich vor etlichen Jahren mein Abitur gemacht habe, war schon damals die Abi-Feier der Höhepunkt der schulischen Laufbahn. 13 Jahre Penne müssen schließlich gründlich begossen werden. Über 18 Jahre alt ist man zu diesem Zeitpunkt eh schon lange. Also Grund genug, an einem Tag richtig auf den Putz zu hauen. Zum Andenken druckt man sich noch T-Shirts und ein Abschlussheft, welches thematisch dezenten Zündstoff enthält. Schließlich gilt es an den letzten Tagen, auch eine kleine Generalabrechnung zu machen. All dies wurde von uns – den Schülern – selbst organisiert. Man war mit Herzblut mit dabei und die Kosten waren überschaubar.

Heute ist vieles anders. Man kennt hunderte Freunde (nur) über Facebook. Man chattet lieber stundenlang als zu telefonieren. Und man lässt lieber organisieren, als dass man sich den damit verbundenen Stress aufbürdet. Schließlich sind die Abitursprüfungen bereits Stress genug. Wenn einem dann noch ein „externer Berater übers Internet“ auch noch vorrechnet, dass die Fremdorganisation nicht teurer ist als Selbermachen, ist die Wahl schnell gefallen. Firmen wie Easy-Abi schließen nur ein Bedürfnislücke. Und schließlich ist man als gestandener Abiturient nicht irgend jemand. Man hat eine Allgemeine Hochschulreife in der Tasche und bei den meisten geht der Weg weiter zur Universität oder Fachhochschule. Willkommen in der Upper-Class.

Die geschädigten Abiturienten müssen im Falle von Easy-Abi allerdings schon früh die Erfahrung machen, dass man nicht jedem trauen kann oder soll. Dies ist so wie mit falschen Freunden. Oder wie mit dem Finanzberater bei der Bank, dem man auch nicht alles ungefiltert glauben sollte. So bitter es für den einzelnen Schüler sein mag, so hilfreich wird die gewonnene Erkenntnis sein. Nicht jeder macht mit knappen 20 Jahren bereits so lehrreiche Erfahrungen für sein Leben. Wer Zynismus in dieser Aussage findet, darf ihn gerne behalten.
Natürlich gehört der Vorfall untersucht. Ebenso ist es nicht rechtens, wie die Geschäftsführer oder andere Mitarbeiter der Firma Easy-Abi das Geld der Abiturienten veruntreut haben. Ich distanziere mich vollkommen vom schädlichen Verhalten dieser Firma. Auf der anderen Seite muss oder darf man auch erwähnen, dass dies alles nicht passiert wäre, würden die Abiturienten wie althergebracht ihre Partys selbst organisieren.

Es gibt viele Gründe, wieso man die Organisation in fremde Hände gibt: Kostenersparnis, Vorgaben der Vermieter von passenden Räumlichkeiten, Zeitersparnis und der gewisse Coolness-Faktor. Man lässt organisieren und somit auch die ganze Verantwortung los. Im Ernstfall könnte man sogar noch einen Rechtsstreit mit dem Veranstalter beginnen, wenn etwas nicht den gebuchten Wünschen entsprechen würde. Für Geld organisieren lassen, hat also gewisse Vorteile.
Selbst der Faktor Zeitersparnis darf heutzutage nicht unterschätzt werden. Schule, Hausaufgaben, Freunde treffen, Sport, Musikunterricht, Chillen, Fernsehschauen und Schlafen. Der Tag hat zwar 24 Stunden, aber für heutige Schüler sind diese komplett verplant. Sich mit dem Planen einen Abifeier oder Abifahrt zu beschäftigen, ein T-Shirt und ein Abibuch zu entwerfen, hat in diesem vollen Kalender keinen Platz und raubt auf lästige Weise die Zeit. Selbstorganisieren ist sowas von Eighties. Zum Glück gibt es Firmen, die sich damit auskennen.

Wer die Planung in fremde Hände gibt, legt allerdings auch die Authentizität einer solchen Veranstaltung in fremde Hände. Die persönliche Note geht ebenso verloren wie die Identifizierung mit der Feier. Der Grund der Feier ist ein ganz banaler: man hat ein Stück Papier erhalten, auf dem eine bzw. mehrere Noten stehen. Eigentlich geht es doch nicht darum, dass man eine möglichst perfekte Veranstaltung hat. Vielmehr kommen beim Abiball ein letztes Mal alle zusammen; danach gehen alle getrennte Wege. Eine Abifeier somit als etwas Besonderes dastehen zu lassen, hat schon leicht groteske Züge.
Aber die Zeiten wandeln sich. War man früher noch glücklich, die Schulaula für die Feier umgestalten zu dürfen, so muss es heute eben ein Bankettsaal in einem Hotel sein. Das Wort „Aula“ klingt dagegen wie die Selbstgeiselung zum Nachsitzen. Und ehrlich gesagt hat es schon was, wenn man später seinen Kommilitonen erzählen kann, dass man im Kempinski gefeiert hat; einschließlich passenden Bildern im Facebook-Profil. Wo Neid mit im Spiel ist, ist auch die Wichtigtuerei nicht weit. Und oft sind die Grenzen dahin verschwindend gering.

Der Betrug wurde wohl begünstigt durch einen Wechsel in der Geschäftsleitung. Leicht chaotische Zustände sollen angeblich das  Veruntreuen von etlichen Tausend Euro erleichtert haben. Der Schaden ist groß und wäre eventuell erst gar nicht passiert, wären die Geschäfte bei Easy-Abi wie gewohnt weitergelaufen. Der Schaden für die Schüler wäre dennoch vermeidbar gewesen, hätte man selbst organisiert. Hätte, hätte, Fahrradkette. Dennoch: Betrügen kann man sich auch selbst, doch da fliegt der Schwindel schneller auf.

Und noch ein Wort an die nachwachsende Elite dieses Landes: der Abiturient ist der spätere Student. Als Student lernt man selbständiges Lernen und Handeln. Man sollte allerdings bereits als Abiturient wissen, dass die Selbständigkeit die Eigeninitiative ebenso beinhaltet wie die Eigenverantwortlichkeit.

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3 Antworten zu Easy-Abi wird zu Reinfall-Abi

  1. nano 19. Juni 2011 um 00:20 #

    Ja, ja, die gute alte Zeit! Wir haben noch alles selber gemacht und dann konnte auch nichts schief gehen, heute sind alle Faul, Oberflächlich und wollen nur noch bespaßt werden, blah, blah blah! Fakt ist, daß diese Firma die Abiturienten um eine ganze Menge Geld gebracht hat und das ist nicht ok! Welche Beweggründe die Abiturienten hatten die Firma zu beauftragen ist doch eigentlich egal. Mein Abi ist nun auch schon einige Jahre her. Wir haben auch nicht in der Schulaula gefeiert, aber bei uns gab es ein Abiball-Organisationsteam! Im Klartext haben fünf Leute alles organisiert und der Rest hat sich auch das all-inclusive-Paket gebucht! Im Prinzip war das also auch nicht anderst, abgesehen von den fünf mit eigenverantwortlicher Eigeninitiative!

  2. coPu 25. Juni 2011 um 23:55 #

    Mein Abi ist nicht sooo lange her und dieses allgemeine sich über die „Faulheit“ der heutigen Jugend beschweren nervt mich inzwischen. Auch wir haben unser Motto selber ausgesucht, eine Zeitung entworfen und ein Shirt, eine Abschlussfeier organisiert, etc. Dass man heute das Shirt vielleicht im Netz bestellt, oder die Zeitung bei einer Druckerei online in Auftrag zum Druck geben lässt, erleichtert vielleicht etwas und spart Zeit. Aber einen Betrug einer Firma in ein Plädoyer gegen die heutige Jugend umzudichten ist doch etwas überzogen.

  3. walter 1. Juli 2011 um 10:00 #

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