1. Gebot: Kritisiere nie den Verlag

Fast jeder Verlag hat mittlerweile die Online-Community für sich entdeckt. In der Welt der „analogen“ Redakteure und bedruckten Zeitungsblätter behandelt man die Onliner jedoch immer noch etwas skeptisch. Onliner agieren anonym, haben oft eine ganz eigene Meinung und sind schlichtweg nicht greifbar.

Früher war die Welt in den Verlagen noch in Ordnung. Da wurde vom Redakteur ein Artikel geschrieben. Der erschien am nächsten Tag in der gedruckten Ausgabe. Wer sich als Leser berufen fühlte, verfasste dazu einen Leserbrief. Dieser Leserbrief trudelte per Post oder Fax bei der Redaktion ein. Die konnte sich damit auseinandersetzen und bei Gefallen in einer der nächsten Ausgaben abdrucken. Das war damals. Heute erscheinen die Artikel im Internet und dank Online-Community kann jeder Leser blitzschnell darauf reagieren. Der gute Nebeneffekt dabei ist: man kann mit anderen Teilnehmern kommunizieren. Es können Diskussionen entstehen. Das, was eine moderne Zeitung – im Internet – lebendig macht und was Blogs und Foren schon seit Jahren nutzen. Soweit zur Theorie.

Ein Musterbeispiel für eine perfekte Umsetzung zeigt der heise-Verlag (www.heise.de). Dort hat man schon früh erkannt, dass der Leser im Mittelpunkt stehen sollte. Die Nachrichten sind nur der Aufhänger für lebhafte, tiefgreifende und stellenweise philosophische Diskussionen. Das lieben die Nutzer und Leser am Forum vom heise-Verlag. Und dies weiß auch der Verlag zu schätzen. So erstritt er sich per Gerichtsurteil die Freiheit, erst ab Kenntnis einer Rechtsverletzung (im Forum) dieses genauer zu kontrollieren und entsprechende Beiträge zu löschen. Beim heise-Verlag nimmt man billigend in Kauf, dass ein gewisser Prozentsatz der Beiträge unter „Ablage P“ verbucht werden kann. Doch auch Diskussionsmüll lässt man unzensiert im Forum stehen. Und nicht all zu selten streiten sich die Teilnehmer über Kleinigkeiten. Es ist eben wie im realen Leben.
Andere Verlage jedoch handhaben die Freischaltung immer noch wie alte Schisshasen. Freie Presse, Meinungsfreiheit und Recht auf Autonomie sind für Verlage wichtige Grundpfeiler in der deutschen Verfassung. Geht es jedoch um die eigenen Leser, scheint es mit diesen Werten nicht weit bestellt zu sein. Da wird immer noch die Praxis vom guten alten Leserbrief angewendet. Was von der Redaktion für Gut und Richtig empfunden wird, schafft es ins Forum. Bei Spiegel-Online (www.spiegel.de) beispielsweise muss auch jeder Beitrag durch die optische Sichtkontrolle. Doch wohl nur äußerst selten wird ein Beitrag nicht veröffentlicht. Mir liegt bis dato kein Fall einer Löschung vor.

Es geht auch ganz anders. Der Berliner Tagesspiegel (www.tagesspiegel.de) ist für mich ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Der Tagesspiegel handhabt sein Forum ebenfalls nach der Freischalt-Methode. Doch es kam nun schon des öfteren vor, dass Beiträge von mir nicht veröffentlicht wurden. Die offene Begründung der Online-Community dazu lautet: es gibt kein Anrecht auf Freigabe der Beiträge. In diesem Punkt kann man dem Verlag nicht widersprechen. Doch wer das Recht auf eine freie Presse propagiert, sollte bei seinen Lesern keine stille Zensur betreiben.

Der Tagesspiegel hat, wie jeder Betreiber eines Forums, eigene Richtlinien für das Verfassen von Beiträgen. Wer diese Vorgaben liest, bekommt einen ungefähren Eindruck davon, wie sich der Verlag sein Forum wohl wünschen würde: rechtlich sauber, nur mäßig provozierend und vor allem keine Kritik an der eigenen Arbeit. Erst an neunter Stelle steht geschrieben: Kritik an unseren Artikeln wissen wir zu würdigen, doch auch diese sollte sachlich formuliert sein und keine Unterstellungen oder beleidigenden Inhalte gegen den Autor enthalten. Doch eigentlich müsste es das erste Gebot sein: Kritisiere nie den Verlag.

Was muss man schreiben, damit ein Beitrag nicht veröffentlicht wird?
Beispiel 1: Übernachten im Prinzenbad
Bereits vier Tage zuvor hatte der Tagesspiegel darüber berichtet, dass ein Hostel-Projekt (im Prinzenbad) sich vor dem Aus befindet. Die nötigen (Bau)-Genehmigungen fehlen. Nun, im aktuellen Artikel, geht es um die Eröffnung und das erste Wochenende des sogenannten Scube-Parks. Ich persönlich empfinde den Artikel als Werbung. Dies hatte ich im ersten Absatz meines Postings auch entsprechend geschrieben. Beim Tagesspiegel kürzte man diese Passage raus und veröffentlichte nur den Rest meines Beitrages. Begründung: es handelt sich nicht um Werbung im klassischen Sinne. Berichterstattungen über lokale Projekte sind legitim. Das Totschlagargument: die Unterstellung meinerseits.
Man kann sich fragen, wieso diese Begründung einem heimlich zugesendet wird. Wieso veröffentlicht der Verlag nicht meinen Text im unzensierten Ganzen und nimmt öffentlich dazu Stellung? Vor was hat man beim Tagesspiegel Angst? Dass daraus eine Diskussion entstehen könnte?

Beispiel 2: Senatsgebäude beworfen
Im Artikeltext heißt es: „Eine unverletzt gebliebene Pförtnerin alarmierte gegen 1.30 Uhr die Polizei.“ In meinem Beitrag fragte ich offen nach, wieso es extra erwähnt werden muss, dass die Pförtnerin unverletzt geblieben ist. Es gab im Text keine Hinweise oder Anzeichen dafür, dass sie bei dem Anschlag unmittelbar involviert war. Deshalb setzte ich in meinem Beitrag die leicht provokante Frage hinterher, ob sie sich bei dem Anschlag auf dem Gelände oder gar vor einer der kaputten Fensterscheiben befunden hat. Ergebnis: mein Beitrag verschwand im Giftschrank der Redaktion.

Es gab zurückliegend noch zwei weitere Male, bei denen die Redaktion meine Beiträge nicht veröffentlichte. Man muss beim Tagesspiegel sehr penibel darauf achten, was man schreibt. Am sichersten geht man, wenn man gar nichts in die Kommentarfunktion schreibt. Sachliche, faire und legale Meinungen zu schreiben, ist das eine. Am Freischaltungsknopf sitzt jedoch eine Person, die eventuell eine ganz andere Vorstellung von fair und sachlich vertritt.
Der Verlag genießt das Hausrecht in seinem Forum. Doch welchen Eindruck vermittelt es, wenn ein Verlag keine öffentliche Kritik an seiner Arbeit zulässt? Welche sprachliche Form der Kritik wird noch akzeptiert und welche verbale Äußerung wird als Foul gewertet? Man sollte ein Artikelforum nur bei absolut berechtigten Verstößen (gegen Gesetze) zensieren. Ansonsten hat man das Internet und seine Teilnehmer nicht begriffen.

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2 Antworten zu 1. Gebot: Kritisiere nie den Verlag

  1. ra.f. 6. Juni 2011 um 18:41 #

    Ich kann deine Beobachtung in jeder Hinsicht bestätigen. In der Regel sind Online-Redaktion was Diskussionen in ihrem Forum anbetrifft sehr zurückhaltend. Ich würde die Beschuldigung Zensur aber nicht zu weit strapazieren, es gibt schließlich genug Möglichkeiten seiner Meinung die Freiheit zu geben (und dein Blog ist ja ein gutes Bespiel dafür).

    Das Heise-Forum als Musterbeispiel hinzustellen halte ich aber für grenz wertig. Die Leser werden in diesem Forum sich selbst überlassen, ich kann nicht erkennen das sich die Redaktion und/oder Autoren dazu bequemen, wertvolle Beiträge um Forum auch zu kommentieren bzw. sich auf eine Diskussion einzulassen. Wie wenig die Redaktion von ihrem eigenen Forum überzeugt ist, sieht man schon an der schlechten Einbindung der Diskussionsbeiträge bei den Artikel.

  2. ra.f. 15. Juni 2011 um 14:09 #

    Ein Anmerkung noch. Ich habe im allgemeinen die Erfahrung gemacht das kleine Online-Redaktionen bzw. Redaktionen oder Autoren-Vereinigungen von Meinungsportalen oder Blog-Redaktionen weitaus restriktiver mit der Freigabe von Kommentaren sind als große bekannte Portale. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass sich hier die Autoren viel schneller persönlich angegriffen fühlen oder sie eben doch nicht so tolerant gegenüber anderer Meinungen sind wie sie vorgeben.

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