Die Heizpilz-Nation

Der Sommer ist definitiv vorbei. Das T-Shirt-Wetter kommt erst in ein paar Monaten wieder. Wir müssen uns leider wieder etwas wärmer anziehen. Die kalten Temperaturen halten uns dennoch nicht davon ab, in einem Straßencafé den geliebten Latte-Macchiato zu schlürfen. Wir setzen uns jedoch nichts ins Café. Nein, das Heißgetränk wird unter freiem Himmel genossen. Solange es nicht schneit, regnet oder stürmt, sitzt der Deutsche liebend gern unter freiem Himmel. Damit uns dabei nicht kalt ums Näschen wird, gibt es warme Luft von oben. Die Gastronomen sind so freundlich, und stellen ihre Heizpilze neben den Tischen auf.

Man könnte ja einfach sagen: wenn es fürs Kännchen draußen einfach zu kalt ist, sollte man eben drinnen den Kaffee genießen. Früher hätte man noch als Gegenargument sagen können, dass im Lokal die verrauchte Luft einem nicht passt. Heute wird anders herum argumentiert. Da man drinnen nicht mehr rauchen darf, muss man draußen essen und trinken; daher auch die notwendigen Heizpilze.
In Berlin wurden diese Heizstrahler in vielen Bezirken bereits verboten, doch die meisten Gastronomen sehen über das Verbot hinweg. Zum einen sind die Strafen zu lasch und zum anderen wurden explizit nur die Heizpilze verboten. Sobald der Heizstrahler an der Fassade angebracht wird, greif das Verbot nicht mehr. In den meisten anderen Bundesländern wird von Oktober bis Mai mit dem Heizpilz weiter kräftig der Kopf der Gäste gewärmt. Im Winter ist es draußen eh zu kalt; da sind die Heizstrahler fürs frostige Klima genau das passende.

Unser Staat verlangt auf der einen Seite für Neu- und Altbauten eine Wärmedämmung mit mindestens 24 Zentimeter Dicke. Es geht um die Einsparung von Heizkosten und die Verringerung von CO2. Auf der anderen Seite sind Heizpilze weiterhin erlaubt, damit die armen Gastronomen auch im tiefsten Winter ihre Außenplätze bewirtschaften können. Ergibt dies einen tieferen Sinn? Lügen wir uns da nicht selbst in die Tasche? Wir kleiden uns mit warmen Wintersachen, sitzen dann aber im beheizten Biergarten, um selbst bei eisigen Temperaturen den Cappuccino zu süffeln. Pervers oder einfach nur bescheuert?

Ein bundesweites Verbot für Heizpilze darf es laut Gastronomievereinigung nicht geben. Dies gefährde Arbeitsplätze und den Umsatz im Winter. Die Argumentation kann man verstehen. Doch auf der anderen Seite müssen sich die Gastronomen die Frage gefallen lassen, wieso selbst bei kalten Temperaturen die Außenplätze voll sind aber im Lokal sich keiner an den Tisch setzt. Ja, wir wollen alle draußen sitzen, die Sonne und die mollig warme Atmosphäre genießen. Die wärmende Illusion funktioniert natürlich nur, solange sich genügend Gas in den Gasflaschen befindet.  Die einfachste Lösung wäre ja in der Tat, bei kalten Temperaturen den Innenbereich des Lokals zu nutzen. Doch dies läuft nicht bei den Gastronomen und den verwöhnten Gästen. Das Klima kommt erst an zweiter Stelle.

Und so frieren wir auch weiterhin an unseren Zehenspitzen, wenn wir vor unserem Lieblingscafé bei gefühlten -10°C unter dem Heizpilz sitzen. Drinnen ist was für Weicheier und echte Ökofanatiker. Alle anderen sitzen draußen und verheizen das Klima.

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Eine Antwort zu Die Heizpilz-Nation

  1. Klaus Kandler 18. November 2010 um 17:34 #

    Also, hier in Bayern haben wir ja totales Rauchverbot innerhalb jeglicher Gasträume, von einem Tag auf den anderen. Mag ja sein, dass das rauchen mit den Jahren langsam gänzlich zur Neige geht. Aber im Moment lasst doch der Minderheit der Raucher die Pilze für ne Weile.

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