Tagesspiegel: Notfall bei der Bahn und in der Redaktion

Eine kleine „Weihnachtsgeschichte“ aus dem Berliner Tagesspiegel

Es war einmal eine Regionalbahn, die am 27.12. von Berlin nach Lichterfelde fuhr. Mit auf die Fahrt gingen viele Reisende und eine Schaffnerin. Es begab sich nahe Südkreuz, dass eine Dame auf einer Treppe stürzte. Die Schaffnerin erkannte sofort den Ernst der Lage und rief nach einem Arzt. Dieser war glücklicherweise schnell gefunden und seine Diagnose lautete: die gestürzte Frau muss schnellstens in ein Klinikum. Die Schaffnerin telefonierte darauf hin mit der Fahrleitung und man entsendete ein Rettungsfahrzeug zum Bahnhof Teltow.
Doch oh Schreck, die Bahn hielt nicht am nächsten Bahnhof Lichterfelde Ost sondern am vier Minuten weiter entfernten Teltow. Denn nach Teltow schickte die Bahn die Rettungshelfer, welche erst nach 10 Minuten eintrafen. Ein zusätzlich benötigter Notarzt kam nach weiteren 20 Minuten.

Nun fragt sich die journalistische Garde beim Tagesspiegel, wieso der Zug nicht in Lichterfelde Ost auf den Rettungswagen warten konnte. Denn von dort wären es nur wenige Minuten zum Klinikum Steglitz gewesen. Statt dessen lässt die Fahraufsicht den Zug bis nach Teltow fahren, auch auf die Gefahr hin, dass die Rettungskräfte bis nach Teltow noch länger unterwegs sind. Der Tagesspiegel wollte ein Statement von der Deutschen Bahn erhalten. Die verhält sich allerdings vorerst bedeckt, weil sie mit einer Aussage warten möchte, bis die beteiligte Zugbegleiterin wieder im neuen Jahr aus dem Urlaub zurück kehrt.
Für den Tagesspiegel ist also die vorrangige Frage: wieso hat die Bahn nicht im Sinne der verletzten Kundin reagiert und den Zug im nächsten Bahnhof auf die Rettungskräfte warten lassen. Die Antwort gibt man sich im entsprechenden Beitrag gleich selbst. In Lichterfelde Ost steht nur ein Bahngleis pro Fahrtrichtung zur Verfügung. In Teltow hingegen kann der Zug auf ein gesondertes Gleich ausweichen. Da der Zwischenfall 45 Minuten dauerte, könnte man aus Sicht der Bahn sagen, sie wollte den Zugverkehr nicht blockieren.

Aus journalistischer Sicht ist es äußerst clever, sich bei einer ungewissen Nachrichtenlage die offenen Fragen selbst zu beantworten. Dies erspart die spätere Recherche wie die plagende Ungewissheit, man hätte den Leser nicht umfassend genug informiert.

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