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Plagiatsaffären: denn sie wissen nicht, was sie schreiben

Was haben Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin und vielleicht bald Anette Schavan gemeinsam? Sie haben alle mal eine Doktorarbeit geschrieben und dadurch einen Doktortitel erlangt. Alle drei Fälle haben jedoch auch gemeinsam: denn sie wussten nicht, was sie schreiben. In Fachkreisen nennt man solche Werke Plagiate; vom Lateinischen plagium, was wörtlich übersetzt „Entführung“ oder „Menschenraub“ heißt. Heute steht der Begriff für Nachahmung oder Fälschung.

Doktor werden ist nicht schwer, den Doktor selber erwerben dagegen sehr. Pro Jahr werden ca. 25.000 Promotionen eingereicht. Man sollte davon ausgehen, dass der größte Teil auf ehrliche Weise entstanden ist. Die meisten versprechen sich durch einen Doktortitel eine Aufwertung der eigenen Vita. Mitunter liegt auch eine betrügerische Absicht vor, um sich beispielsweise einen finanziellen Vorteil zu erlangen. Ein „Dr. jur.“ kann sich im Bedarfsfall als Türöffner erweisen.

Einigen der Magistrate ist das Schreiben einer Doktorarbeit zu aufwendig oder zu langwierig. Dies verleitet manche,  eine illegale Abkürzung zu nehmen. Für ein paar Tausend Euro kann man sich einen Doktortitel kaufen. Ein Ghostwriter erledigt den Rest. Oder man schreibt seine Promotion zwar selbst, verwendet dabei aber so viel Fremdmaterial wie möglich bzw. nötig. Die einen nennen es fehlerhaftes Zitieren, anderen nennen es eine betrügerische Kopie.

Der erste große Plagiatsfall war die Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Nach ersten Hinweisen auf Unregelmäßigkeiten in seiner Doktorarbeit entstand damals die Plagiatsdokumention Wiki Guttenplag, welche heute als Vorlage für weitere „Plagiatsjäger“ dient. Die Helfer von Guttenplag sorgten durch die akkurate Analyse und Auswertung dafür, dass Karl-Theodor wenige Monate später der Doktortitel abverlangt wurde.
Herr zu Guttenberg hatte zu  Beginn noch alle Vorwürfe abgestritten. Die Beschuldigungen wären haltlos oder würden gar eine Rufschädigung seines Namens darstellen. Schlussendlich stellte sich heraus, dass über 20 Prozent aller Textzeilen als Plagiate identifiziert wurden. Es folgte die Aberkennung des Titels durch die Universität Bayreuth. Es folgte eine 180-Gradwendung in der Verteidigung: Ihm waren die Fehler nicht bewusst. Außerdem hätte er in den sieben Jahren der Dissertation auch den Überblick verloren über die ca. 80 Disketten. Er wollte nie betrügen. Ihm wären die genauen Zitatregeln auch nicht so bewusst gewesen.

Ähnlich aber nicht derart prominent gelagert war der Plagiatsfall von Silvana Koch-Mehrin (FDP). Die Internetnutzer des Wiki „VroniPlag“ hatte massive Urheberrechtsverletzungen festgestellt. Auch Frau Koch-Mehrin stritt zu Beginn alle Vorwürfe ab. Der Promotionsausschuss der Universität Heidelberg sah sich jedoch noch eingehender Prüfung gezwungen, ihr den Titel abzuerkennen. Auf rund 80 Seiten konnten über 120 Stellen als Plagiate klassifiziert werden.
Der Frechheit nicht genug, beschuldigte sie im Nachgang den Prüfungsausschuss, er habe ihr in voller Kenntnis über ihre Schwächen und Fehler den Titel anerkannt. Frau Koch-Mehrin weiß zwar nicht zweifelsfrei, wie richtiges Zitieren geht. Sie weiß jedoch sehr genau, wie man eigene Fehler zur Fremdschuld umwandeln kann. Richtiges Verteidigen will gelernt sein.

Die dritte im Bunde ist Bildungsministerin Annette Schavan (CDU). Die Geschichte gleicht den anderen. Plagiatejäger finden Unregelmäßigkeiten in der Doktorarbeit von Frau Schavan. Die Vorwürfe werden wie gewohnt abgestritten. Frau Schavan bezeichnete die Beschuldigung gar als absolut weltfremd. Sie hat und habe die komplette Arbeit selbst geschrieben.
Die Fundstellen werden mehr und mehr, bis sich der Promotionausschuss der Uni Düsseldorf der Sache annehmen muss. Er empfiehlt derzeit ein Verfahren zum Titelentzug. Die Gegenstimmen von Frau Schavan verstummen. Ihre vorherige Aussagen wiederholt sie nicht mehr; anscheinend hat sie doch nicht alles selbst geschrieben bzw. Zitate unzureichend gekennzeichnet. Mittlerweile kommuniziert sie nur noch über ihre Anwälte.

Dreist oder unwissend?

Voraussetzung für eine Promotion ist ein bereits abgeschlossenes Studium. Dies bedeutet, dass besagte Person bereits einmal eine Abschlussarbeit geschrieben und diese auch verteidigt hat. Für eine ordentliche Diplomarbeit kann man ca. sechs Monate Zeit einrechnen. Das Zusammentragen von Daten und Quellen benötigt ebenso Zeit wie das Schreiben der kompletten Arbeit. Und dann muss sie auch noch verteidigt werden. Dies bedeutet, dass man vor einem Prüfungsausschuss in ca. 30 Minuten eine mündliche Zusammenfassung zum Besten geben und auch Fragen beantworten muss.

Das Kniffligste einer wissenschaftlichen Arbeit ist zweifelsohne das korrekte Zitieren. Die kopierte bzw. zitierte Textstelle muss als solche klar erkennbar sein. Zudem muss die Zitatstelle auf der selben Textseite mit einer nummerierten Fußnote versehen sein. In der Fußnote muss das Werk, der Autor, der Jahrgang sowie die Seitenzahl genannt sein. Bei Zitaten aus Internetseiten empfiehlt es sich zudem, eine Kopie der Seite auf einem Datenträger abzuspeichern.

Wer fremde Textzeilen sich zu eigen macht, begeht kein einfaches Kavaliersdelikt. Man verstößt damit gegen die eidesstattliche Erklärung, welcher jeder Arbeit beigefügt sein muss. Die Konsequenzen reichen laut Strafgesetzbuch bis zu einem dreijährigen Freiheitsentzug oder einer entsprechenden Geldstrafe. Doch manche wissenschaftlichen „Raubkopierer“ nehmen die Strafe wissentlich in Kauf. Nach dem Motto: die paar kopierten Textzeilen wird wohl niemand entdecken.

Die promovierten Damen und Herren waren sich ihrer betrügerischen Konsequenzen wohl nicht ganz bewusst. Oder sie haben die Folgen ausgeblendet im textlichen Kampf  bei der Fertigstellung ihrer Arbeit. Jeder hat in einer Arbeit wohl schon einmal eine Textstelle nicht als Zitat gekennzeichnet. Oder ein Originalsatz wurde genügend oft „geschüttelt“, um daraus einen neuen, eigenen Satz entstehen zu lassen. Diese Methode kennt der Schüler ebenso wie der Doktorand. Doch wenn man ertappt wurde, sollte man auch das nötige Rückgrat haben, zu seinen Fehlern zu stehen.

Schavan, Koch-Mehrin und zu Guttenberg sind keine Einzelfälle bei den Titelschwindlern. Auch wenn sie Fehler beim Zitieren gemacht haben, so konnten sie fehlerfrei ihre plagiierte Doktorarbeit verteidigen.

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3 Antworten zu Plagiatsaffären: denn sie wissen nicht, was sie schreiben

  1. Uwe 23. Januar 2013 um 00:06 #

    Ein klasse Artikel, sehr Lehrreich. Dennoch wird die Thematik der Plagiaterie sicher eine steigende Tendenz aufweisen, denn gerade durch das Internet wird es den Doktoranten doch leicht gemacht in einem Bruchteil der Zeit Dinge zu finden, als wenn man Büchern nachschlagen müsste. Originalstz „geschüttelt“ wird wohl bald mit entsprechender Software bedeuten können…Doktorarbeit geschüttel und Themenähnliches auf´s Papier gebracht.

  2. b.d 6. Februar 2013 um 11:36 #

    Hallölchen,

    sehr interessant analysiert, aber ich hab mittendrin pausiert und diesen Text zu schreiben, da mich an zwei Stellen das Wort „abgeschritten“ völlig irritiert hat. Ist hier sinngemäß wohl „abgestritten“ gemeint gewesen?

    MfG,
    b.d

  3. Oliver 6. Februar 2013 um 12:28 #

    @ b.d:
    Vielen Dank für den Hinweis. Da bin ich wohl zwischen „abgestritten“ und „abgeschrieben“ gedanklich durcheinander gekommen.

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