Ich fordere eine Kennzeichnungspflicht für Reden

Wir alle lauschen bekannten Personen bei einer Rede. Doch in den allermeisten Fällen stammt das Vorgetragene nicht vom Redner selbst. Sogenannte Ghostwriter übernehmen im Stillen den Job.

Es geht um Vertrauen, um Glaubwürdigkeit und vor allem um Authentizität.  Mit einer Rede möchte ein Politiker sein Wahlvölkchen für sich gewinnen, der Vorstandschef den Aktionärsmitgliedern die Zukunft des Unternehmens erklären und der Student verteidigt mit einer Rede seine Diplomarbeit. Im Grunde machen alle drei das selbe, doch nur einer hat seinen Vortrag auch selbst verfasst: der Student.

Bereits in der Schule lernen wir, dass Abschreiben eine Sechs für die Klausur bedeuten kann. Bei Doktorarbeiten geht sogar ein Aufschrei durchs Land, wenn Plagiate gefunden werden. Wer falsch oder auch nur unvollkommen zitiert, wird an den Pranger gestellt. Bei öffentlich vorgetragenen Reden sehen wir die Angelegenheit jedoch weitaus entspannter. Wir gehen davon aus, dass die Aussage der Rede den Gedanken des Redners entsprechen. Dem ist jedoch nicht immer so.

Vieles wird dem Redner in den Block diktiert. Und selbst die Wortwahl ist oft sehr entscheidend. Hat eine Lobbyistengruppen Einfluss genommen oder hat der Ghostwriter generell ein bisschen eine andere Meinung? Man erfährt es nie. Denn nirgendwo ist vermerkt, wer die Rede geschrieben oder wer sich anteilig daran beteiligt hat. Es ist eigentlich ein Unding, dass wir uns darüber nicht beschweren.

Ich fordere eine Kennzeichnungspflicht für öffentliche Reden – und zwar konsequenterweise für alle Arten von Reden. Ob dies der Priester bei der Sonntagspredigt ist oder die Ansprache ans Volk eines Politikers. Entweder müssen alle Beteiligten Ghostwriter namentlich genannt werden. Oder wenn dies nicht möglich ist, sollte eine Rede zumindest als „Fremdleistung“ gekennzeichnet sein. Im Prinzip eine einfache Sache.

Man kann abschließend nur darüber spekulieren, wieso dieses Thema in der Öffentlichkeit keine Rolle spielt. Entweder erwartet man von einer Rede nicht viel und es ist prinzipiell egal, was der/die Redner/in am Pult blubbert. Oder man erwartet von einer Kennzeichnungspflicht keine große Ehrlichkeit. Doch dann gäbe es zumindest ab und an die Chance, dass ein frustrierter Ghostwriter den/die Redner/in öffentlich anprangert.

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