Im kollektiven Public-Viewing-Rausch

Das halbe Land hängt in diesen Minuten wieder vor dem Fernseher. Zu sehen gibt es das Vorrundenspiel Deutschland gegen Serbien in der Fußball-Weltmeisterschaft aus Afrika. Zur Halbzeit steht es übrigens 1:0 für Serbien. Miroslav Klose hatte in der 37. Spielminute die gelb-rote Karte erhalten; seitdem ist die deutsche Mannschaft nur noch mit 10 Personen auf dem Platz. Dem allgemeinen Fußballfieber tut dies jedoch keinen Abbruch. Das Wetter ist gut und die Bedingungen mehr oder minder gut. Freitagnachmittags feiern viele schon das Wochenende – oder haben mit dem Arbeiten erst gar nicht begonnen.

Das Fieber rund ums Public-Viewing erreichte das erste Mal im Jahre 2006 seinen ersten Höhepunkt. Damals fand in Deutschland die FIFA Weltmeisterschaft statt und Deutschland schaffte es damals bis ins Halbfinale. Ein Sommermärchen hätte es werden sollen; gereicht hat es dann schlussendlich nur zu einem warmen Sommerwind – Platz 3. Ein Jahr darauf folgte bereits die nächste nationale Begeisterungswelle bei der Weltmeisterschaft im Herren-Handball. Im Jahr 2007 holten wir den Titel Handball-Weltmeister. Auch damals gab es viele Public-Viewing-Möglichkeiten.

Jetzt bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Afrika wird das Thema Public-Viewing wieder sehr groß geschrieben. Überall wo man geht oder steht kann man in ein TV-Gerät oder auf eine übergroße Leinwand schauen und Fußballspiele verfolgen. Gastwirte freuts; manch Arbeitgeber ist bei dem Thema hingegen etwas murrig. Die Zahl der Krankschreibungen dürfte dieser Tage wieder leicht höher ausfallen als üblich. Doch was ist so schlimm daran, dass wir uns alle paar Jahre mal zum kollektiven Fußballfieber hingeben? Und sei es auch jeder Jahr, dass mal König Fußball die Oberhand gewinnt. In anderen Ländern ist solch eine Begeisterung etwas völlig Normales und findet zum Teil jedes Wochenende statt.

Die negativen Stimmen werden indes nicht müde zu betonen, dass die Arbeit vorgeht. Das ist logisch, doch muss man es immer so streng nehmen? Es entspricht einer äußerst neoliberalen Einstellung, zuerst an das Geschäft zu denken und erst danach ans Vergnügen. Doch wenn man dem Volk jegliches Vergnügen nimmt, hat es für die restliche Zeit auch keine besonders hohe Motivation. Wieso also mal nicht einfach für ein paar Stunden – so wie heute Nachmittag – „freidrehen“ und mitfeiern!? Weil es der Wirtschaft schadet, weil Produktionsprozesse nicht angehalten werden können, weil ansonsten Millionen von Euro verloren gehen. Oder: Feiern beflügelt die Wirtschaft, Produktionsprozesse können auch reduziert werden und es ist gewissermaßen erwiesen, dass durch solche Massenfeiern mehr Euros eingenommen werden. Es ist immer nur eine Sache des Betrachtungswinkels.

Und selbst erzkonservative Firmenbosse werden ab und an feststellen, dass Feiern die Seele befreit. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Rezension wirkt es auf das Volk wie Opium, wenn es sich in einen kleinen Jubelrausch feiern kann und darf. Dass es dabei nicht immer positiv ausgeht, hat das Spiel gegen Serbien gezeigt. Nach dem Abpfiff stand es immer noch 0:1 gegen Deutschland. Dies macht der nationalen Euphorie allerdings keinen Abbruch. Auch Verlieren gehört dazu; und Verlieren stärkt ebenso das nationale Wir-Gefühl.

Bei all der Begeisterung, dem Fahnenschwenken und – aktuell – dem Vuvuzela-Blasen bringt mich eines dann doch gewaltig auf die Palme: diese Ansteckfahnen an den Autos. Doch zum Glück gibt es dazu vom Clab-Club die „EM-Fahnen-Aktion„. Sorry, dass ich Ihre WM-Fahne abgeknickt habe.

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