FleischFleisch: w.r.wagner / pixelio.de

Eine scheinheilige Entrüstung über Pferdefleisch

Wir sind kultivierte Fleischfresser. Jeder deutsche Bundesbürger futtert pro Jahr knapp 90 Kilo Fleisch. Das sind pro Tag 240 Gramm! Dabei wissen wir nicht einmal annähernd etwas über die Herkunft dieses Fleisches oder etwas über Aufzucht, Haltung und Fütterung der Tiere. Hauptsache viel Fleisch und Wurst liegen auf dem Teller. Diese Einstellung zu Nutztieren und Nahrung ist eine Mischung aus grotesker Ignoranz und kriminellem Kapitalismus.

Das Geschäft mit dem Fleisch ist blutig. Immer wieder gibt es Berichte über die Massentierhaltung, in denen die schändlichen Bedingungen angeprangert werden. Es gibt Skandale über verseuchtes Tierfutter (Dioxin im Fleisch). Darüber hinaus ist Deutschland Spitzenreiter bei der Verabreichung von Antibiotika in der Tiermast. Und nicht zuletzt ist die Rede von Ausbeutung und Erpressung bei den ausländischen Mitarbeitern in den Schlachtbetrieben. Ein Fließbandarbeiter verdient oft nur 4 oder 5 Euro.

Wir wollen nichts über das Schnitzel wissen, welches vor uns auf dem Teller liegt. Wir wollen für Fleisch keinen angemessenen Preis bezahlen. Und bei Fastfood und Fertiggerichten erkennen wir nicht einmal mehr, um welche Art von Fleisch es sich handelt. Teilweise ist es nicht einmal mehr Fleisch. Die Probleme sind seit Jahrzehnten bekannt. Doch man hat die Konsumenten weder sensibilisiert noch dazu angeregt, weniger Fleisch zu essen. Nur ein Bruchteil der Bevölkerung ernährt sich entsprechend der empfohlenen Ernährungspyramide.

Nun galoppiert ein neuer Skandal durch ganz Europa: Pferdefleisch, welches als Rindfleisch etikettiert war. Entrüstung! Wie kann das sein? Tiefgekühlte Fertiglasagne für 1,90 Euro und dann nicht einmal echtes Rindfleisch? Viele lässt es kalt, weil sie von Fastfood-Ketten dazu antrainiert wurden, keinen Bezug mehr zu Lebensmitteln zu haben. Andere zucken mit den Schultern und verweisen auf die Pferdesalami (Salamino Equino), welche als Delikatesse gilt. Und wieder andere würgen sich die letzten 10 Mahlzeiten aus dem Leib, weil sie an eine Vergiftungsverschwörung glauben.

Etwas fernab vom Pferdefleischskandal gibt es noch viele andere kriminelle Machenschaften auf dem Schlachtfeld der Fleischindustrie. Ein Bekannter arbeitet in einer Fleischgroßhandel. Er berichtet von umetikettierten Schweinelenden. Polnische Schweine landen in einer Großschlachterei in Norddeutschland. Bis dahin gilt das Schwein als polnische Sau. Die zerlegten Fleischteile werden übers Land verteilt. In Süddeutschland werden die zerlegten, polnischen Schweinelenden umverpackt zu deutschen Schweinelenden. In Deutschland verpackt, in Deutschland zerlegt und damit fälschlicherweise auch in Deutschland gezüchtet. Dies „deutsche“ Schweinefleisch wird unter anderem exportiert in die Schweiz. Dort lassen sich deutsche Schweinelenden viel teurer verkaufen als Polenfleisch.

Ein Kommentar im Stern bringt es auf den Punkt: „Das Volk bekommt nur das Fleisch, das es verdient„. Wir sind der Meinung, dass man sich günstig mit Fleisch ernähren kann. Und da Fleisch wenig kostet, essen wir es täglich in rauen Mengen. Bei einem Skandal wird kurz auf den Tisch gehauen und morgen der nächste Fleischberg verspeist.

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