„Second Life“ – more second than life

Oder auf Deutsch: das Computerspiel ‚Second Life‘ ist bei vielen Menschen mittlerweile zum zweiten wichtigen Leben geworden. Das reale Leben draußen auf der Straße hat an Reiz verloren. Die Industrie hingegen ist nicht faul und erkennt ihre neuen Absatzmärkte – ob real oder virtuell , hauptsache die Einnahmen stimmen.

Wer das Spiel „Second Life“ (SL) bis dato noch nicht kannte, hat etliches verpasst. Mitte Dezember 2006 wurde der zweimillionste Spieler begrüßt. Schätzungen sagen, dass ca. 800.000 Registrierungen als aktive Spieler gezählt werden können. Second Life bildet ein virtuelles Abbild unserer Welt. Es gibt dort alles, was es in der realen Welt nicht auch geben würde: Wälder, Seen, Hochhäuser, Villen, Inseln, Länder, Grundstücke, Regeln, Gesetze und ganz wichtig – Geld. Hier ein paar nennenswerte Besonderheiten aus Second Life:

  • die Zeitschrift Stern produziert eine eigene Online-Ausgabe, welche es nur im Spiel zu kaufen gibt
  • der DJ Tom Bender legt in einem Second Life-Club auf und verdient durch Eintrittsgelder bis zu 80 Euro pro Nacht
  • das Land Schweden hat als erstes Land eine virtuelle Botschaft errichtet
  • der Sportartikelhersteller Adidas eröffnete eine Online-Filiale, in welcher man für bares Geld virtuelle Schuhe kaufen kann
  • es fand auch bereits eine groß angelegte Demo gegen die rechte Front National statt

Screenshot Second Life Software
© community.flexiblelearning.net.au

Spielbar
Wer nur Holzspielzeug für seine Kinder kauft und ausschließlich BIO-Gemüse verkocht, der wird Second Life wohl eher als technisches Teufelszeug ansehen. Für Technikfreaks und ambitionierte Spieler hingegen ist es eher die größte Herausvorderung seit Erfindung des Computerspiels überhaupt. Second Life schafft eine perfekte Symbiose zwischen Chatraum und 3D-Computerspiel.
Jeder ist sein eigener Glückes Schmied. Jeder Mitspieler hat es – sprichwörtlich – in der eigenen Hand, wie sein Leben in Second Life verläuft und was mit seinem Avatar (Spielcharakter) passiert. Die Chancen sind für jeden die selben, denn jeder Avatar hat und kann am Anfang nichts.
Second Life bietet daher weit mehr als die vielen Ballerspiele: auch hier geht es nur, wenn die anderen Mitspieler mitziehen, entgegenkommend aggieren und den Spielablauf positiv beeinflussen. Doch Second Life unterstützt nicht nur die sozialen Aspekte. Da es eine Abbildung der realen Welt darstellt, dreht sich alles um das liebe Geld. Wer keines hat, wird es nicht weit bringen. Geld weckt Begehrlichkeiten und löst in Grenzen auch eine Art Sucht aus. Der Kapitalismus wird mit dem Spiel salonfähig gemacht und auch damit in kommunistische Länder getragen.

Verspielt
Wo Licht, da auch Schatten. Der Linden-Dollar – die offizielle Währung im Spiel Second Life – hat einen tagesabhänigen Umrechnungskurs zum offiziellen US-Dollar. Wer es im Spiel nicht schafft, genügend Geld zu verdienen, der kann seine echten Dollars gegen Linden-Dollars eintauschen. Der umgekehrte Weg funktioniert natürlich ebenfalls.
Spielgeld
Um im Spiel einen gewissen Status zu erlangen bzw. um sich von anderen Mitspielern merklich abzuheben, benötigt man viele Linden-Dollars. Die Standard-Bluejeans und das weiße Hemd möchten gern gegen ein anderes Outfit ersetzt werden oder das neue Wohneigentum soll eine luxuriöse Villa darstellen. All dies ist möglich. Doch dazu benötigt man viel „softe“ Währung. Die Spieler geben (zum größten Teil) echtes Geld für virtuelle Gegenstände aus.
Komplett ad absurdum wird es, wer echtes Geld gegen Linden-Dollar eintauscht, um dann mit der virtuellen Kohle bei einer Online-Prostituierten Liebesstunden zu bezahlen. Wäre es in solchen Fällen nicht ratsamer, echten Sex zu haben?
Spielfiguren aus der Retorte
Wie auch in diesem Spiel gibt es keine echten Verlierer. Der Neustart des Charakters ist mit einem Mausklick erledigt. Wer sein „Leben“ in Second Life gegen die Wand gefahren hat, kann problemlos neu beginnen. Wer als Frau unbedingt mal in die Rolle eines Mannes schlüpfen möchte – kein Problem. Das „Leben“ in Second Life kennt zwar den Tod, das Sterben kennt aber weder Trauer noch Schmerz. Das Spiel besteht – grob betrachtet – nur aus Gewinner.
Auffällig ist auch, dass es in Second Life nur Schönheiten zu bewundern gibt. Wo sind die realen Probleme Fettleibigkeit, Haarausfall, Krebs oder Behinderungen jeglicher Art? Gehören solche Aspekte nicht ebenfalls in ein virtuelles Spiel, welches von sich behauptet, die reale Welt abzubilden?
Die echte Chancengleichheit existiert nicht.
Wer im realen Leben nicht mit Geld umgehen kann, wird es auch in Second Life nicht können. Die Regeln sind prinzipiell die selben. Zwar ist im Spiel der Verlust real bezifferbar, doch der Lerneffekt ‚mit Geld umgehen zu können‘ wird sich durch das Spiel nicht verbessern. Ganz im Gegenteil: in der Virtualität gibt es den Reset-Knopf, welcher einen aus jedem Dilemma rettet.
Menschen mit geringer Schulbildung werden wie im richtigen Leben den Intelligenteren unterlegen sein. Die Anonymität erleichtert es zwar sicherlich vielen, sich zu öffnen. Doch wer echte Kommunikation nie erlehnt hat, wird sie auch nicht in Second Life erlernen.
Virtuelle Empfindungen
Eines kann das Spiel nie ersetzen. Zum Glück. Es sind die Empfindungen bei der Liebe, wenn es in der Magengegend kribbelt oder wenn der Puls zu rasen beginnt. Auch alle anderen Sinnesempfindungen kann das Spiel nicht abbilden. Virtuelle Tannenwälder riechen einfach nach nichts. Bei einem Spaziergang am virtuellen Palm Beach juckt weder der Sand zwischen den Zehen noch fühlt man die Kraft der Sonne. Ein virtuelles Ei lässt sich nicht zerdrücken und Menschen lassen sich nicht fest umarmen. Selbst Blicke lassen sich nicht entschlüsseln. Im realen Leben braucht es in gewissen Situationen keine Worte, da die Körpersprache des Gegenübers alles verrät. In Second Life kann man allerhöchstens – per Mausklick gesteuert – in die Hände klatschen oder sich am Bauch reiben.

Alles nur ein Spiel. Ja und Nein.
Second Life ist und bleibt ein Spiel. Sobald der Rechner aus ist, hat einen die (harte) Realität wieder. Für viele ist und bleibt es ein unterhaltsames und gut gemachtes Spiel. Es gibt mit Sicherheit auch viele, welche von der Virtualität nicht mehr los lassen können; weil es eben im realen Leben nicht so perfekt läuft wie im Spiel oder weil der „Bekanntenkreis“ in Second Life bereits die reale Liste übersteigt.
Ein weiteres Problem betrifft das Geld. Für das Spiel an sich mag es sinnvoll und nützlich sein, mit echten Dollars aus seinem virtuellen Leben etwas zu machen. Der Industrie dürfte es ebenfalls ziemlich egal sein, ob das Geld für einen echten oder einen virtuellen Turnschuh ausgegeben wird. Für das reale Leben ist es allerdings entscheidend, ob ich genügend Geld für das Überleben und ausreichend Reserven für den Lebensabend – hoffentlich ohne Second Life – zurück gelegt habe. Hier gibt es keinen Reset-Knopf.
Ebenfalls nicht unwichtig ist die Beobachtung, wie Spieler mit/in Second Life agieren. Können sie noch sauber die Realität von der Virtualität trennen? Was geschieht mit Spielern, welche bereits heute mehr Zeit in solchen Spielen verbringen als in der realen Welt? Bleibt der Feinsinn für die Empfindungen auf der Strecke?

Welcome back in First Life
Second Life kennt weder Gerüche noch Trauer oder Schmerz. Auch der Spaß ist rein virtuell. Was ist in 10 Jahren mit den Fulltime-Spielern? Schon heute wissen viele Kinder nicht mehr, wo die Milch her kommt.

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