US-Wahl 2012: medialer Overkill

Landen Amerikaner auf dem Mars? Nein! Ist ein Flugzeug in ein New Yorker Hochhaus gerast? Nein! Die Amerikaner wählen nur einen neuen Präsidenten. In den deutschen TV-Medien tobt heute Nacht jedoch ein medialer Krieg, als ob der Untergang des Abendlandes bevorstehen würde. Die ARD sendet zeitgleich mit dem ZDF, Phoenix, N24 und RTL im Zusammenschluss mit n-tv. Minimal 5 Stunden und im Fall vom ZDF wird sogar 7 Stunden von der Präsidentschaftswahl berichtet. So viel Aufmerksamkeit versteht keiner.

Als Vorbild dient wohl der große Election-Report auf Cable News Network (CNN). Beim amerikanischen Nachrichtensender zelebriert man jede Wahl wie einen 100-Meter-Lauf in 52-facher Ausführung. Jeder Staat wird genaustens unter die Lupe genommen und jede neue Zahl wird auf großen Displays präsentiert. Vorhersagen, Hochrechnungen, Analysen verpackt in schnellen Moderationen und modernster Technik. Mitten drin steht John King vor seiner Magic-Wall und wischt wie ein perfekter Magier mit den Fingern über den Bildschirm. Es funktioniert nicht nur perfekt, es sieht auch so aus, als ob John King heimlich jeden Tag vor dem Spiegel üben würde.

Die deutschen Wahlsendungen wirken dagegen wie schales Bier. Die Chancen stehen gut, dass man zu nachtschlafender Sendezeit sabbernd auf dem Sofa einknickt. Die deutschen Berichterstatter versuchen zwar auch mit gigantischen Projektionswänden zu punkten, doch entweder hackt die Technik oder man irrt etwas hilflos von links nach rechts. Modernes Spielzeug sollte man auch bedienen können, sonst wirkt es schnell peinlich.
Der deutsche TV-Zuschauer kann sich nachts um vier Uhr zwischen fünf Geschmacksrichtungen entscheiden. Entweder den langweiligen Jörg Schönenborn in der ARD, die olle Bettina Schausten vom ZDF, den spießigen Peter Klöppel von RTL oder doch eher das Bildungsprogramm von phoenix oder lieber das Unterschichten-TV auf N24. Und alle stützen sich größtenteils auf die Informationen von CNN. Ein fünffacher Aufguss vom Original. Dumm eben, wer kein Englisch versteht. Wer die Sprache nicht versteht, wird das Land noch viel weniger verstehen. Wozu sollte man sich dann die Live-Entscheidung anschauen?

CNN macht den Job seit vielen Wahlen äußerst perfekt. CNN schafft es auch, fünf bis sechs Stunden der Auszählung flott zu durchschreiten. Die deutschen TV-Sender müssen zudem gegen die Müdigkeit ihrer Zuschauer ankämpfen. Und dies vergeigen sie mit langweiligen Debatten und Analysen total. Da fragt man sich ernsthaft, wozu die teure Technik ins Studio gestellt wird. Wollen die deutschen Sender im Livebetrieb für spätere Wahlsendungen üben? Millionen Euro der  Rundfunkgebühr werden tief in der Nacht gleich mehrfach versenkt. „Toll!“ würde dass ZDF-Magazin Frontal21 dazu sagen.

Achso: ob Barack Obama oder Mitt Romney gewonnen hat, werden die Deutschen pünktlich zum Frühstück wissen. Wer wegen der Aufregung mitten in der Nacht nicht schlafen kann, sollte den „Wahlkrimi“ auf CNN verfolgen, weil er dort amerikanisch-typisch inszeniert ist.

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