Gegen Stuttgart-21 ist nicht schwer, dafür umso mehr.

Man hat das mediale Gefühl, dass Baden-Württemberg seit Monaten im kollektiven Streit steht. Alles dreht sich nur noch um Stuttgart-21. Es gibt dabei auch nur noch eine Sprechweise: „S21 darf nicht gebaut werden.“ Jegliche Gegenmeinung wird mittlerweile nicht mehr akzeptiert. Das Projekt ist bereits im Vorfeld im Boden versunken, bevor der Bahnhof überhaupt de facto unter die Erde verlegt wird. Jegliche Diskussion endet an der Kosten-Schallmauer.

Wer schon einmal das Vergnügen hatte, Stuttgart mit der Bahn zu bereisen, kennt die Einfahrt in den Bahnhof. Träge und vorsichtig nähert sich der Zug der Bahnhofshalle, oder zumindest das was man am derzeitigen Stuttgarter Bahnhof eine Halle nennen kann. Der Großteil der Gleise liegt nämlich im Freien. Nur die Bahnsteige sind vollkommen überdacht. Diese eigenwillige Konstruktion stammt noch aus jener Zeit, als es keine Elektrifizierung bei der Bahn gab. Der Dieselqualm der Lok muss ungehindert nach oben abgeblasen werden können. Ein Hallendach ist hierbei denkbar ungeeignet. Da am Stuttgarter Bahnhof auch heute noch etliche dieselbetriebene Lokomotiven halten, ist man über den derzeitigen Zustand des Bahnhofes nicht ganz unglücklich.

Der Schwabe beginnt Sätze gern mit „Liebe Leut“, wenn man bestimmend aber dennoch volksnah jemanden ansprechen möchte . Liebe Leut, merkt ihr eigentlich welches Jahr wir haben? Baden-Württemberg gilt als Musterländle für das Schulsystem und als Industriestandort. Doch beim Bahnverkehr herrschen stellenweise noch Zustände wie kurz nach dem Krieg. Um mit dem Bähnle aus der schwäbischen Provinz in die Landeshauptstadt zu gelangen, kann man problemlos 2,5 Stunden unterwegs sein. Mit dem Auto sind es knapp 100 Kilometer und in der Hälfte der Zeit zu schaffen (* Sigmaringen-Stuttgart).
Stuttgart-21 ist nicht nur der ehrgeizige Versuch, eine unschöne Gleisanlage unter die Erde zu verlegen. Es soll auch eine Strahlkraft in das komplette Land davon ausgehen. So ist beispielsweise die ICE-Neubaustrecke Ulm-Stuttgart zusammen mit S21 entstanden. Der ICE braucht für die knapp 100 Kilometer eine ganze Stunde. Macht eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von 100 km/h. Nirgendwo anders in Deutschland ist der ICE langsamer unterwegs als auf dieser Strecke. Aber auch die Elektrifizierung weiterer Strecken in der schwäbischen Provinz werden mit S21 einen Vorschub und damit an Bedeutung gewinnen.

Aber alles Reden hat keinen Sinn, wenn man wieder auf die Baukosten blickt. Und da ist der Schwabe einfach ein Knauserer vor dem Herrn. Man zahlt keine fünf, sechs oder gar sieben Milliarden Euro „nur“ damit ein Bahnhof unter die Erde verbuddelt wird. Da sind die restlichen Begleiterscheinungen dieses Bauvorhabens nebensächlich.
Allerdings sollte der Stuttgarter hingegen öfters mal einen Blick von oben auf seine Stadt richten. Die Landesmetropole mit seinen ca. 500.000 Einwohnern ist geprägt durch den Bahnhof und seine Gleisanlagen. Die Stadt ist getrennt durch eine unschöne Gleiswüste gespickt mit unzählig vielen Strommasten. Die ganze Stadtentwicklung hätte ganz anders verlaufen können, wäre da nicht dieses riesige unbebaubare Gebiet im Herzen der Stadt. Wer die Einkaufsmeile „Königstraße“ bis zum Hauptbahnhof läuft, erkennt das Dilemma. Die Stadt endet inmitten ihrer selbst direkt am Bahnhofsgelände.

Der Schwabe ergreift nur dann eine Chance, wenn sie absolute Aussichten auf Erfolg hat. Dann allerdings werden auch keine Kosten und Mühen gescheut. Ist die Ausgangslage allerdings etwas verworren und die Gewinnaussichten nicht klar zu greifen, verfällt der Schwabe in eine beobachtende Rolle. Erzählt ihm dann noch ein anderer Landsmann, dass dieses Projekt zum Scheitern verurteilt ist, endet jegliche Anstrengung zur eigenen Meinungsbildung. So erklären sich dann auch so simple Aussagen wie „Des Ding isch einfach z’teuer!„.
Hinzu kommen dann noch irgendwelche Berufsprotestler, die der Masse etwas von bedrohten Käferarten im Schloßgarten erzählen. Keine 10 Meter daneben befindet sich hingegen eine ölverschmierte und verseuchte Gleisanlage, auf der kein einziger Käfer jemals heimisch werden wird. Von der lauten Geräuschkulisse einmal komplett abgesehen, ist der Schloßgarten keine Parkanlage für stressgeplagte Großstädter sondern „nur“ ein notwendiger Schutzwall für das angrenzende Gewerbe- und Wohngebiet.

Jetzt hat der neue Bahnhof auch noch eine Simulation bestanden, den sogenannten Stresstest. Und wieder holen den Gegner zum Gegenschlag aus. Sie beschuldigen die Bahn und das beauftragte Institut, dass die Vorgaben und die Durchführung des Stresstests auf Erfolg ausgelegt waren. Wenn der Teufel einmal die eigene Seele reitet, wird man ihn so schnell nicht wieder los. Ich als Schwabe sage: Stuttgart verpasst eine Chance, eine Chance für die Zukunft der Stadt und des Landes.

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Eine Antwort zu Gegen Stuttgart-21 ist nicht schwer, dafür umso mehr.

  1. nano 6. September 2011 um 22:08 #

    Mag schon sein, daß Stuttgart eine Chance verpasst, wenn der Bahnhof nicht gebaut wird, aber vielleicht ergeben sich aus der verpassten Chance auch viele kleine neue. So bringt es einem Sigmaringer im Rollstuhl zum Beispiel überhaupt nichts, wenn er rein theoretisch schneller per Bahn in die Landeshauptstadt kommt, denn dieses Vorhaben wird schon am Sigmaringer Bahnhof scheitern, denn dieser ist nicht für Rollstuhlfahrer, Kindrwagen oder Menschen mit Gehbehinderung gebaut und das soll laut DB auch so bleiben! Im Ländle und wahrscheinlich nicht nur hier gäbe es viele Baustellen, was die Mobilität ohne Auto anbelangt. Stuttgart 21 aber funktioniert schon heute perfekt, denn es zieht die gesamte Aufmerksamkeit auf sich und jeder regt sich nur noch über ein Thema auf, ganz egal ob dafür oder dagegen, dabei gäbe es viel mehr Baustellen, auch im Musterländle!

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