Fastenzeit nur noch etwas für christliche Nerds?

Ich erinnere mich noch gut an meine Oma, als sie von der Fastenzeit erzählt hat. Sie war noch aus jener christlichen Generation, welche die Fastenzeit wirklich praktiziert hat. Und heute? Entweder fastet man aus gesundheitlichen Gründen oder gar nicht.

Mit dem Aschermittwoch beginnt für die Christen die jährliche Fastenzeit. Sie dauert 40 Tage und dient als Vorbereitung auf Ostern. Zudem soll diese Zeit daran erinnern, wie Jesus fastend und betend die 40 Tage in der Wüste verbrachte. Die Sonntage zählen davon abgesehen nicht dazu. Soweit zu den Randbedingungen. Die Frage ist jedoch: wer fastet heute noch und vor allem warum.

Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstitutes YouGov aus dem Jahr 2014 wollen bis zu 10 Prozent aller Deutschen während der Fastenzeit einen Verzicht üben. Dabei scheinen – laut Studie – die Jüngeren stärker animiert und motiviert zu sein als die Älteren. Und beim Verzicht geht es nicht immer rein um die Ernährung. Auch der Verzicht auf Alkohol, Sex, „unverzichtbare“ Konsumgüter oder das Spielen liebgewordener Konsolenspiele werden genannt. Für bis zu 20 Prozent der Befragten kommt ein Verzicht offenbar überhaupt nicht in Frage.

Wenn ich mich an die Erzählungen meiner Oma erinnere, musste sie damals in ihrer Jugend noch richtig fasten. Was wir heute als lästiges Übel ansehen, war damals eine höchst christliche und finanziell wichtige Angelegenheit. Während der Fastenzeit beispielsweise auf Zucker zu verzichten, kam dem damaligen Haushaltsbudget mehr als recht. Zudem war die Gegend, in der meine Oma aufgewachsen war, zu knapp 100 Prozent katholisch. Wer nicht freiwillig gefastet hat, galt quasi als christlicher Außenseiter.

Auch der Verzicht auf Fleisch und Wurst am Freitag war früher noch weit verbreitet. Entweder wurde freitags komplett auf tierische Produkte verzichtet, oder es wurde alternativ Fisch gegessen. Heute nennt sich so etwas Veggieday und ist absolut im Trend. Damit die Ähnlichkeit zum fleischlosen Freitag nicht zu sehr auffällt, hat man für den Veggieday den Donnerstag gewählt. Im Unterschied zum Fisch-Freitag zählt am Gemüsetag nur der ethische Gedanke.

Vergleichbar mit der Fastenzeit ist für die Muslime der Ramadan – der heiße Monat. An 29 beziehungsweise 30 Tagen im Ramadan darf zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang nichts gegessen und getrunken werden. Die Ausnahmen sind eng gesetzt und gelten beispielsweise für Kranke und Schwangere. In den arabischen Ländern wird ein Bruch des Ramadan-Fastens streng verfolgt; stellenweise mit Folter oder Gefängnis. Einige in Deutschland lebende Muslime sehen den Ramadan heutzutage entspannter und verzichten hier und da auf die strenge Regelung.

Verzicht üben

Die Grundidee hinter der Fastenzeit ist der (einfache) Verzicht. In einer Überflussgesellschaft mit einer 24/7-Verfügbarkeit von allem, ist es schwer einen Verzicht zu üben. Überall und jederzeit lockt die Versuchung. Seien es Süßigkeiten, Pornografie, das Auto oder der Internet-Chat. Für uns ist alles zur Normalität geworden, weil es im Prinzip kein Notleiden mehr gibt. Einfach mal eine Woche morgens auf den Kaffee verzichten und man merkt ganz schnell, was es heißt zu fasten verzichten. Davon abgesehen wird man morgens auch ohne Kaffee wach.

Viele verbinden mit der Fastenzeit eine Diät. Dieser Grundgedanke ist prinzipiell nicht falsch, aber in der Konsequenz nicht zu Ende gedacht. Viele schaffen auf normalem Wege keine Diät, also brauchen sie einen offiziellen Aufhänger. Von der Fastenzeit abgesehen ist es auch unter dem Jahr ratsam, hier und da mal einen Verzicht zu üben. Man beweist damit dem eigenen Ego, dass man es kann. Die Welt wird durch den kleinen, privaten Verzicht zwar nicht besser, aber es stärkt das eigene Selbstbewusstsein. Um nichts anderes geht es in der Fastenzeit.

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