Aus mit 9Live. Schade!

Am 1. September 2001 veränderte sich die deutsche Fernsehlandschaft. 9Live startete seinen Programmbetrieb. Ein Sender der davon lebte, dass Menschen für Telefonanrufe Geld ausgegeben haben. Wer 9Live nicht kennt, für den ist es bereits zu spät. Denn der Sender hat seinen Livebetrieb zum 31. Mai 2011 um 24 Uhr eingestellt. Wer 9Live nicht gekannt hat, hat prinzipiell nichts verpasst. Aber wer 9Live niemals gesehen hat, der wird nicht verstehen, wieso 9Live etwas ganz Besonderes war.

In der Presse tauchte 9Live meist mit negativen Schlagzeilen auf. Da beleidigte ein Moderator einen fremden Moderator oder reihenweise die Zuschauer bzw. Anrufer. Auch gab es massenweise Gerüchte darüber, dass bei den Gewinnspielen geschummelt wurde. Von ausgetauschten Gewinnkoffern bis zu ausgetauschten Lösungsumschlägen war die Rede. Und bei vielen Rätseln gab es angeblich – oder offensichtlich – mehrere Lösungswege. Aber all dieser nachgesagte Betrug und Beschiss der Anrufer ist Geschichte.
Auch der Oberkritiker Marc Doehler muss sich um seine Rechtsstreitigkeiten keine Gedanken mehr machen. Und auch die Arbeit bei den Landesmedienanstalten wird nach dem Aus von 9Live wohl weniger. Zuletzt wurde der Sender dazu gezwungen, seitenlange Hinweise ein zu blenden. Und die Moderatoren mussten in einer Art Dauerschleife die Hinweise auch noch vorlesen.

Abseits der negativen Kritik hat den Sender jedoch etwas anderes positiv ausgezeichnet. Der Sender hat Pionierarbeit geleistet. Täglich wurden mehrere Stunden live ausgestrahlt. Und dies manchmal unter widrigsten Umständen und mit einem Budget, wovon RTL wahrscheinlich nur eine Minute DSDS bestreiten könnte. Welcher andere deutsche Sender sendet ebenfalls mehrere Stunden im Livebetrieb? Mir fällt da keiner ein. Denn die meiste Zeit wird Vorproduziertes von der Festplatte gesendet. In dieser Hinsicht war 9Live einmalig in der deutschen Fernsehlandschaft.
Doch der Gewinnspielsender hatte noch eine ganz andere Besonderheit: die Anarchie vor der Kamera. Im Fernsehen ist immer alles vorgeplant, weil prinzipiell nichts schief gehen darf. Vieles ist auch doppelt abgesichert, nur um einer Blöße aus dem Weg zu gehen. Und den meisten Fernsehmachern sind peinliche, unsittliche oder gar  geschäftsschädigende Momente ein rotes Tuch. Nicht jedoch bei 9Live. Dort herrschten stellenweise Zustände wie in der Kommune 1. Zwar hatte 9Live nie eine politische Motivation, doch die Tendenzen zu einer kontra-konservativen Bewegung waren die selben. Die (kleinen) Revolutionen in der Fernsehwelt machten den Sender sehenswert. Und auch die kleinen und großen unvorhersehbaren Momente waren das, was 9Live so einzigartig gemacht hat. Es wurde nie eine Sendung (vorzeitig) abgebrochen oder jemand gegen seinen Willen aus dem Bild getragen. Das was vor der Kamera passierte, ging auch so über den Sender. Und gerade deshalb ist es schade, dass das Live-Programm eingestellt wurde.

Jetzt werden zukünftig an der selben Stelle wohl Heizdecken und Büstenhalter verkauft. Und die Kaffeesatzleser der Astrologen-Hotline werden einen weiteren Sendeplatz erhalten. Wer 9Live schon für schlecht gehalten hat, der wird für das Wort Scheiße wohl keine Steigerungsform finden können. Am liebsten würde man vom Sofa aus schreien: „Revolution“. Doch die Revolution wurde zum 31. Mai abgeschaltet. Schade eigentlich.

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Eine Antwort zu Aus mit 9Live. Schade!

  1. nano 1. Juni 2011 um 21:39 #

    Ja und wo sollen sich jetzt all die armen Verwirrten hinwenden, die nicht müde werden und eine Stadt mit vier Buchstaben suchen? Wie hieß sie doch gleich Rom, Paris…..
    Und werden jetzt alle BigBrother-Stars wieder arbeitslos?
    Kann man 9live nicht unter Minderheitenschutz stellen?

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