Einzelschicksale berühren uns irgendwie mehr

Stirbt eine einzelne Person, können wir weitaus betroffener reagieren, als wenn Massen von Menschen davon raffen. Das ist schade, denn es verblendet einem die Sicht auf die großen Tragödien. So zuletzt heute in Frankfurt bei der Gedenkveranstaltung für die totgebrügelte Studentin.

Zu Hunderten kamen die Menschen am Freitagabend in die Frankfurter Innenstadt um für Tugce Albayrak zu trauern. Sie wollten ihr Mitgefühl zeigen für die Studentin, welche seit Mittwoch für hirntot erklärt wurde. An diesem Freitag ist und wäre ihr 23. Geburtstag. Diesen Tag wird sie leider nicht mehr erleben, denn ihre Eltern wollen die lebenserhaltenden Maschinen abstellen lassen.

Ihr normales Leben endete bereits am 15. November, als sie Zivilcourage beweisen wollte. Als sie die Belästigung von zwei jungen Mädchen in einer Toilette eines Fastfood-Restaurants beenden wollte. Sie war am falschen Platz zur falschen Zeit oder vielleicht hat sie auch durch ihr Einmischen Schlimmeres verhindert. Fakt ist, dass ein junger Mann auf sie eingeschlagen hat. Danach fiel sie ins Koma. Der Täter wurde festgenommen und sitzt derweil in einer JVA.

Offenbach trauert. Das Schicksal der jungen Deutschtürkin bewegt. Nicht zuletzt weil die Nachricht in allen relevanten Portalen veröffentlicht wurde. Manche Zeitung lässt es sich auch nicht nehmen, herzzerreißende Geschichten zu schreiben über ein junges Leben da zu früh endete, über Zivilcourage die mit dem Tod bezahlt wurde, gravierende Jugendkriminalität, und ein Täter der im Jugendknast auch noch Malkurse angeboten bekommt.

Diese Geschichte bewegt viele Offenbacher so sehr, dass sie sich spontan am Freitagabend vor dem Klinikum zu einer Gedenkfeier zusammen geschlossen haben. Auch haben bereits Tausende eine Petition unterzeichnet, dass Tugce Albayrak noch nachträglich das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommt. Kann man darüber diskutieren, sollte man jedoch nicht tun. Denn prinzipiell wird das Bundesverdienstkreuz nur an lebende Personen verliehen.

Frankfurt Mai 2010

Erinnert sich noch jemand an den Nigerianer Emeka Okoronkwo? Der Fall zeigt absolute Parallelen. Auch Emeka Okoronkwo wurde Opfer einer Gewalttat, als er Zivilcourage zeigen wollte. Auch er ging bei einem Streit dazwischen, als zwei junge Frauen von zwei fremden Männern belästigt wurden. Emeka Okoronkwo wurde nur 21 Jahre alt. Die Bevölkerung hat viel getrauert, doch mittlerweile ist sein Fall längst vergessen.

Mittelmeer 2014

Jeden Tag ertrinken über 10 Menschen im Mittelmeer. Sie sind auf der Flucht wegen Verfolgung, Bürgerkrieg oder der einfachen Hoffnung auf ein besseres Leben. Jeden Tag 10 Tote. Trauert hier jemand? Gibt es deshalb Mahnwachen und Gedenkfeiern? Interessiert uns die Lage der über 3.000 Gestorbenen?  Kaum bis wenig. Denn Massensterben ist ein Massenereignis wozu uns die direkte, emotionale Bindung fehlt.

Wenn wir einer Tugce Albayrak gedenken, sollten wir die anderen Opfer dabei nicht vergessen. Denn nicht selten spielt die Presse ein seltsames Spiel mit Einzelschicksalen. Damit werden viele Seiten gefüllt und Klickzahlen gesteigert. Das wahre Verbrechen und die großen Schicksale finden während dessen jedoch woanders statt – fernab jeglicher Berichterstattung.

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