Streik der BVG und die unbequeme Realität
vom 2. Februar 2008Unbequem sind die Sitze bei der BVG schon lange. Immer öfter kommen harte Plastikschalen zum Einsatz. Auch der Service ist mitunter unter aller Würde. Busfahrer raunzen einen an, wenn man mit einem 20 Euro Schein bezahlen möchte. Und mancher U-Bahnfahrer verliert ab und an die Contenance, wenn kleine Kinder zu fest an die Fahrertür trommeln. In solch einem Beruf sollte guter Service oberstes Gebot sein und die Freundlichkeit zum Kunden an erster Stelle stehen. Doch wie oft begegnet Ihnen ein Angestellter des Öffentlichen Dienstes mit einem Lächeln auf den Lippen? Dazu passt nun der völlig überraschende Warnstreik der BVG am 1. und. 2. Februar. Man spielt mit der Macht, welche man durch den Öffentlichen Dienst besitzt. Und wo keine Konkurrenz in den Startlöchern lauert, da ist auch keine Angst um den Arbeitsplatz.
12% mehr Lohn für alle
Die Gewerkschaft ver.di geht mit ihren Forderungen gleich zu Beginn in die Vollen. Die Funktionäre von ver.di fordern für alle Angestellten der BVG einen Lohnerhöhung von 12 Prozent. Die BVG hatte bereits vor dem Warnstreik ein erstes Angebot abgegeben. Sie bietet für alle Neuangestellten einen Zuschlag von 6 Prozent an. Doch ver.di ist dies nicht genug. Sie weiß über ihre Macht und welche Signalkraft vom einem Warnstreik ausgehen kann. Den BVG-Angestellten ist dieser Ausstand recht, denn schließlich ist es das Ziel, mehr Lohn in der Gehaltstüte zu haben.
Bei der ganzen Lohndiskussion werden allerdings zwei sehr wichtige Faktoren übersehen:
- Bereits heute erhalten die älteren BVG-Angestellten einen übertariflichen Zuschuss von 20 Prozent. Bleibt dieser Zuschlag bei einem neuen Tarif bestehen?
- Es gibt bis ins Jahr 2020 keine betrieblichen Kündigungen. Ein Verlust des Arbeitsplatzes ist somit so gut wie ausgeschlossen.
Realitätsverlust
Wie viel verdient denn ein älterer BVG-Mitarbeiter im Monat? Ich würde mich nicht wundern, wenn das Netto-Gehalt weit über Durchschnitt liegen würde. Doch diese Zahlen werden bewusst nicht in der Presse breitgetreten. Welche Gründe mögen wohl für diese Zurückhaltung sprechen?
Die Angestellten des Öffentlichen Dienstes jammern auf einem sehr hohen Niveau. Denn viele sind in der komfortablen Lage, dass ihnen ihr Arbeitsplatz über Jahre hinweg so gut wie sicher ist. In der Privatwirtschaft würden sich die meisten über eine solche Situation sehr freuen.
Und trotz dass man bei der BVG nicht schlecht verdient, sind der Kundenservice und die Freundlichkeit zwei Fremdworte für die meisten Angestellten. Die Sicherheit um den Arbeitsplatz macht dieses Verhalten nicht besser. Es besteht auch keine Notwendigkeit zu einem besseren Verhältnis von Angestellter zu Kunde. Der BVG-Kunde hat keine andere Wahl, da es keine Konkurrenzprodukte gibt. Und der BVG-Angestellte ist sich um seinen Lohn und seinen Arbeitsplatz sicher. Veränderungen sind unter diesen Bedingungen kaum zu erwarten.
Die Rechnung zahlt der Kunde
ver.di hat recht, wenn sie als Grund für die Lohnerhöhung gestiegene Kosten für Miete, Strom, Gas, Benzin, usw. angibt. Doch wieso präsentiert ver.di keine reale Zahlen? Was verdient ein BVG-Angestellter? Wie hoch war sein Lohn 2003? Wie hoch ist er jetzt?
Der Verlierer kann bereits jetzt genannt werden. Es ist der BVG-Kunde. Er wird die 6% oder 12% mehr Lohn durch höhere Ticketpreise bezahlen müssen. Und im nächsten Jahr steigen die Ticketpreise erneut, weil man dann als Grund die höheren Energiekosten und Investitionen vorschieben kann.
Verschweigen darf man ebenfalls nicht, dass das Land Berlin immer noch Subventionen an die BVG zahlt. Und woher kommen diese Gelder? Aus Steuereinnahmen. Der BVG-Kunde zahlt also doppelt für einen hoch subventionierten und halb privatisierten Verkehrsbetrieb.
Ich gönne jedem mehr Lohn. Doch sollte man sich diesen auch verdienen. Einzig und allein höhere Kosten vorzuschieben ist nicht nur primitiv sondern zeugt auch vom machtbesessenem Populismus. Weder der Service noch die Freundlichkeit der BVG-Mitarbeiter wird sich durch den höheren Lohn verbessern (lassen). Was steigen wird, sind die Fahrscheinpreise. Die Ungunst zwischen BVG und “Kunde” erreicht damit einen neuen Höchststand. Danke ver.di!
loading...