Pro und Contra Schuluniform
vom 23. Oktober 2009Über vieles kann man kontrovers diskutieren. So auch um die Schuluniform. In vielen Ländern gehört sie längst zum Schulalltag. In Deutschland hingegen macht man einen Eiertanz der ganz besonderen Art um die einheitliche Bekleidung für die Schüler. In Deutschland gibt es erst ein gutes Dutzend Schulen, welche die Schuluniform für ihre Schüler verbindlich eingeführt haben. Wieso dieses Thema in der Politik mehr oder weniger totgeschwiegen wird, bleibt mir ein Rätsel.
Contra Schuluniform
Schüler darf man zu einem Einheitslook nicht zwingen. Dies schadet der Bildung von individuellen Persönlichkeiten. Jeder Schüler hat ein Recht auf die freie Wahl seiner Kleidung. Alles richtig. Doch wieso gibt es dieses Recht? In vielen Unternehmen gehört die einheitliche Berufskleidung zur Vorgabe. Und wieso die Bildung von individuellen Persönlichkeiten dadurch behindert werden soll, möchte mir ebenfalls nicht einleuchten. Dies müsste bedeuten, dass in allen Ländern mit Pflicht zur Schuluniform es nur so von unterbelichteten Schülern wimmelt. Dies ist allerdings nicht der Fall. Schüler entwickeln sich mit oder ohne Uniform zu persönlichen Individuen.
Der größte Protest kommt aus dem Lehrerlager selbst. Der Deutsche Philologenverband (DPhV) hält die Schuluniform für bedenklich. DPhV-Chef Heinz-Peter Meidinger gab in einem früheren Interview zu bedenken, dass Schuluniformen wegen der historischen Entwicklung im dritten Reich vorbelastet sind. Es gäbe eine natürlich begründete Abneigung gegen uniformierte Jugendliche. Und das Problem der Integration lasse sich durch das Tragen einer einheitlichen Schulkleidung auch nicht (von selbst) lösen.
Selten habe ich einen solchen Stuss für eine Begründung gelesen. Demnach dürfte es auch keine grauen Mäntel geben. Selbst das Singen der Nationalhymne und das Schwenken der Deutschlandflagge wäre nach dieser Aussage eine bedenkliche Tat. Das dritte Reich ist wohl noch nicht all zu lange Geschichte. In manchen Köpfen geistert immer noch der alte Mief von vor 80 Jahren umher. Einmal kräftig durchlüften würde in solchen Fällen nicht nur die Sinne beflügeln.
Eine ähnlich abgeneigte Haltung kommt vom Lehrerverband Bildung und Erziehung (VBE). Dort sieht man in erster Linie das Kostenproblem für eine Schuluniform. Vom nordrhein-westfälischen Landeschef Udo Beckmann kommt daher folgendes Bedenken: “Man darf vor allem die Kinder aus einkommensschwachen Familien nicht vergessen, deren Eltern die Kleidung nicht zahlen können.”
Es gibt für alles einen Zuschuss. Dann gibt es eben demnächst einen staatlichen Zuschuss für eine Schulkleidung. Wo ist das Problem? Und ganz nebenbei bemerkt: etwas zum Anziehen brauchen die Jugendlichen so oder so. Ob man dem Kind nun 100 Euro für eine teure Markenjeans gibt oder von dem Geld eine komplette Uniform (für die Schule) bezahlt wird, ist unterm Strich der selbe Kostenfaktor.
Pro Schuluniform
Wir beklagen uns stets über die mangelnde Integration; ob nun von Kindern mit Migrationshintergrund oder von sozial schwachen Familien. In der Schule wird diese Integration allerdings nicht gefördert. Täglich sind viele Tausende Schülern einem wahren Martyrium ausgesetzt. Wer die falschen Klamotten trägt, gehört nicht zur Clique. Die Basecap und der MP3-Player sind für viele Schüler wichtiger als der Unterricht selbst. In vielen Reportagen habe ich gesehen, dass manche Lehrer erst einmal 20 Minuten damit beschäftigt sind, jedem Schüler einzeln(!) zu erklären, dass im Unterricht die Kopfbekleidung abzunehmen und der MP3-Player auszuschalten ist. Das ist wertvolle Unterrichtszeit, die mit Banalitäten vergeudet wird. Auf dem Schulhof geht es mancherorts zu wie auf dem Laufsteg. Die Mädels tragen kurze Röcke und noch kürzere Oberteile, dass man vermuten könnte, gleich öffnet die Schuldisko. Bei den Jungs ist die Frage nach den korrekten Sneakers und der neusten Jeans wichtiger als jegliches andere Thema. Gemobbt wird in den meisten Fällen nicht wegen dem Charakter sondern wegen dem Aussehen. Die Schulkids sind derart individuell, dass man jegliches Gemeinschaftsgefühl vergeblich sucht.
Eine einheitliche Schuluniform würde in erster Linie den Markenfetischismus bekämpfen. Die Schüler würden morgens zuhause mit den Eltern keine Streit führen müssen, ob der Rock nun zu knapp oder die Jeans zu löchrig ist. Auch unterhalb der Schüler würde jegliche Diskussion um die “korrekte” Kleidung erst gar nicht aufkommen. Es gäbe dann kein Richtig oder Falsch mehr. Absolut unpassend könnten dies natürlich alle Markenhersteller finden; vorneweg Nike, Adidas, Puma, Levis und all die anderen. Wenn sich Jugendliche nur noch in ihrer Freizeit mit den Marken “schmücken” können, würde dies den Umsatz der Markenhersteller empfindlich treffen. Ob dies nun schlecht für die entsprechenden Unternehmen oder gut für alle Schüler ist, kann man separat ausdiskutieren.
Was immer bemängelt wird, ist der fehlende Zusammenhalt unter den Schülern. Der kann durch die Fixierung auf bestimmte Markenklamotten aber auch nicht aufkommen. Mit einer einheitlichen Schuluniform wären alle – zumindest äußerlich – gleich. Die Schüler müssten sich andere Reibungspunkte suchen. Plötzlich würden andere Themen im Fokus stehen; wer z.B. sportlicher ist oder die bessere schulische Leistung hat. Auch hier ist die Gefahr von Ausgrenzungen und Diffamierungen. Doch ich denke, dieses Risiko mit Schuluniform bedeutend kleiner.
Die Schüler werden im jetzigen Bildungssystem zu Einzelkämpfern heran gezüchtet. Das Wir-Gefühl bleibt ebenso auf der Strecke wie gemeinschaftliche Grundgedanken. Mit einer einheitlichen Schulkleidung könnte man diesem Problem massiv und auf ziemliche Art und Weise begegnen. Und wo ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, ist auch die Integration eine leichtere. Für Schüler mit Migrationshintergrund oder aus Problemfamilien wäre es um einiges leichter, sich hinter der Uniform zu “verstecken”. Dies ist dabei positiv zu sehen.
Weniger Umsatz an Markenklamotten – mehr Integration und mehr Wir-Gefühl
Mit dieser einfachen Überschrift kann man die Diskussion um eine Schuluniform auf den Punkt bringen. All den Quatsch über Drittes Reich und mangelnde Finanzierung kann man in die Mottenkiste packen. Ich vermute mal eher, dass im Hintergrund viele Markenhersteller längst ihre Lobbyisten in Position gebracht haben, damit die Schuluniform noch lange eine Ausnahme bleibt. Dies ist allerdings ein fataler Fehler für unsere Gesellschaft. Um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und damit (auch) die Integration zu fördern, sollte man solch einfache Maßnahmen nicht unversucht lassen. Die wenigen Pilotprojekte sind allerdings ein zu geringer Versuch.
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