Hartz-IV-Tagebuch bei RTL: mal wieder nur die halbe Wahrheit
vom 18. Juni 2007RTL hat im Monat Juni einen Sonderposten in seinem “RTL-Aktuell” Segment: der Reporter Torsten Misler erforscht für einen Monat lang das Leben als Hartz-IV-Empfänger. Er wohnt in einer Marzahner Wohnung und bekommt den Regelsatz Hartz-IV. Da gibt es natürlich viel zu berichten. Reichen die 345 Euro vom Jobcenter für das tägliche Leben? Welche Behördengänge sind zu tätigen? Welche Überraschungen warten auf einen Hartz4-Empfänger?
Bereits am 2. Juni hatte ich das erste Mal über den sonderbar anmutenden Hartz-IV-Test von RTL berichtet.
Aus dem Tagebuch
An seinem 19. Tag hat sich der investigative RTL-Reporter als Erntehelfer betätigt. Denn, so das offizielle Jobcenter-Gesetz, wer Hartz-IV-Leistung bezieht, muss auch unangenehme oder schlecht bezahlte Jobs annehmen. Also geht es für Herrn Misler auf eine Kirschplantage. Er darf bzw. soll einen Tag lang Kirschen pflücken. Nicht unbedingt eine leichte Tätigkeit; zumal sehr viele Hartz-IV-Empfänger körperliche Arbeit eines ganzen 8-Stundentages gar nicht gewohnt sind. Früh ist der Reporter schon auf den Beinen, denn die Kirschen warten nicht. Das entsprechende Videotagebuch kann unter rtl-aktuell.de angesehen werden.
“Die meisten sind nach spätestens 4 Tagen krank.”
Der Vorarbeiter auf der Plantage klagt sein Leid mit den Erntehelfern, welche ihm vom Jobcenter zugewiesen werden. Keiner würde es mehr als vier Tage am Stück aushalten. Für die meisten der Hartz-IV-Empfänger wäre die Arbeit zu anstrengend und auch zu schlecht bezahlt. Er berichtet, dass die meisten Erntehelfer spätestens nach dem vierten Tag krank geschrieben wären. Die meisten klagen über Rückenschmerzen … und insgeheim wahrscheinlich generell über die körperliche Betätigung. Geld bekommen fürs Nichtstun ist halt immer noch bequemer, als dafür acht Stunden unter freiem Himmel zu arbeiten. Allerdings berichtet einen der Erntehelfer auch, dass er lieber hier an der frischen Luft ist, als zuhause sinnlos rum zu sitzen, auch wenn er hierfür nicht viel mehr Geld bekommt. Diese Einstellung kann man eigentlich nur begrüßen.
Zahlen-Jonglage – weniger ist mehr.
Investigativ muss das Hartz-IV-Tagebuch sein. Also darf auch erwähnt werden, dass solche Erntehelfertätigkeiten schlecht bis mies bezahlt werden. So rechnet der RTL-Reporter munter vor:
- pro Kilo bekommt der Erntehelfer 40 Cent.
- nach einer Viertelstunde ist der erste Eimer voll: 3,3 Kg macht ca. 1,20 Euro
- zusätzlich gibts von der Arbeitsagentur 18 Euro pro Tag
Nach sechs Stunden hat der RTL-Typ genug und präsentiert “stolz” sein Endergebnis:
“Sechs Stunden Kirschen pflücken sind geschafft. Insgesamt hätte ich dafür 24 Euro bekommen. Macht einen Stundenlohn von rund vier Euro ..”
Soso. Herr Misler kommt auf einen Stundenlohn von 4 Euro. Aber wo sind die 18 Euro von der Arbeitsagentur hin? Es sind am Ende des Tages nicht 24 Euro sondern es wären mit der Zusatzleistung stolze 42 Euro. Dies ergibt dann einen Stundenlohn von 7 Euro; ein unwichtiger Unterschied von plus 75%.
Denken Hartz-IV-Empfänger realitätsfremd?
RTL sollte sich in seinen Berichten nicht die quälenden Fragen stellen, ob man mit 345 Euro durch einen Monat kommt. RTL sollte eher Fragen hinterleuchten, ob viele nicht bereits sehr weit von der Realität abgerückt sind.
Ein Erntehelfer, welcher 8 Stunden am Tag und 20 Tage pro Monat auf dem Feld wäre, würde inkl. der Zusatzleistung vom Arbeitsamt glatte 1000 Euro mit nach Hause nehmen. Dies wären allerdings nur ca. 100 Euro mehr im Unterschied zu einem ‘untätigen’ Hartz-IV-Empfänger. Lohnt es sich für 100 Euro mehr im Monat einer – u.U. körperlich anstrengenden – Arbeit nach zu gehen? Oder ist es eher ‘ratsam’, nur die 900 Euro abzugreifen aber dafür den ganzen Tag ‘frei’ zu haben?
Eine gute Frage für den Hartz-IV-Test wäre: Sind die 1000 Euro fürs Arbeiten zu wenig oder die 900 Euro Regelleistung zu viel Geld? Wie kann ehrliche Arbeit wieder attraktiver gemacht werden? Muss man mindestens 1600 Euro verdienen, damit Hartz-IV nicht mehr attraktiv ist oder müsste man eher den Regelsatz kürzen, damit es attraktiver (und teilweise auch notwendig) wird, sich eine Arbeit zu suchen?
Selbstverschuldet? Selber schuld!
Fakt ist, dass nicht für alle Arbeitslosen genügend Arbeit da ist. Doch wenn man die abertausend ausländischen Arbeitskräfte durch Arbeiter aus dem eigenen Land ersetzen würde, wäre schon ein großer Schritt getan. Fakt ist allerdings auch, dass die meisten Hartz-4-Kandidaten gar nicht wollen – für 100 Euro mehr sich körperlich abquälen? Gerade im Bereich Erntehelfer sind Hartz-IV-Empfänger gar nicht gern gesehen: zu unpünktlich, zu oft krank, unzuverlässig und mehr am Jammern als am Arbeiten. So sieht die Realität auf deutschen Feldern und somit zu einem großen Teil auch in den Jobcentern aus. Jammern auf hohem Niveau.
Gäbe es für jeden Bürger ein sogenanntes Bürgergeld, würden solche Wehklagen der Vergangenheit angehören. Wer mit dem Bürgergeld über die Runden kommen möchte, kann dies tun. Wer allerdings noch zusätzlich einer Arbeit nachgeht bzw. dies gern tun möchte, hat am Ende des Monats einfach mehr in der Tasche. Da kann sich dann keiner mehr beschweren, die ihm zugeordnete Aufgabe wäre ihm zu schwer. Alternative: (nur) Bürgergeld.
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