Eine spanische Gurke und die deutsche Angst

Wie passen eine spanische Gurke und die deutsche Angst zusammen? Man muss sie nur zusammen in einem Satz mit EHEC erwähnen, schon passt die Geschichte. Ausgeschrieben heißt EHEC etwas sperrig Enterohämorrhagische Escherichia coli und ist ein Darmbakterium, welches beim Menschen schlimme Durchfallerkrankungen auslösen kann. Aus flüssiger Scheiße werden aber automatisch noch keine guten Nachrichten. Deutsche Medien gehen der Sache daher gründlich auf die Spur und wühlen wie bei einer Darmspiegelung tief im Schlamm.

Gestern in der Sendung “Stern-TV” auf RTL zeigte man eine Mutter, die im letzten Jahr ihren einjährigen Sohn verloren hat. Dieser wurde mit schwerem Durchfall in eine Klinik eingeliefert. Keiner der Ärzte bzw. Ärztinnen ist dem Verdacht einer EHEC-Infektion nachgegangen. Zum Glück ist aber Stern-TV diesem alten Fall nachgegangen. So konnte man zumindest eine verzweifelte Mutter zeigen, die herzergreifend ihrem Kummer freien Lauf lies. So eine Durchfallerkrankung kann nicht nur für fatale Blähungen hervorrufen, sondern bei Unbeteiligten auch Herzschmerz auslösen. Man muss nur geschickt genug den Bogen spannen.

Auch Spiegel-Online ebnet den Weg zur  medialen Scheiße. Mit einem übergroßen Bild vom EHEC-Ereger und der Überschrift “Ehec, Gurken und die Gülle-Frage” zeigt man den verklärten Blick auf die Lage. Als wäre wieder irgendwo ein Atomkraftwerk explodiert, wird eine relativ seltene Krankheit zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt. Dass es ausgerechnet auch noch spanische Gurken sein sollen, verleiht der Geschichte noch den nötigen europäischen Kick. Manchem Redakteur wären “griechische Oliven” wahrscheinlich auch recht gewesen. Und dass Gemüse noch Gülle begossen wird, ist ja für sich gesehen schon eine Sauerei. Da war ja abzusehen, dass irgendwann mal ein Bakterium zum Menschenkiller wird.

Wird die Erkrankung nicht erkannt, kann sie tödlich enden. So weit sollte man die Menschen aufklären. Auch kann man ihnen erzählen, dass man Obst und Gemüse immer abwaschen sollte. Um vor Keimen ganz sicher zu sein, ist Erhitzen (über 70 Grad) natürlich noch besser.
Weit ab jeglicher Journalistenehre ist jedoch die Verhalten, den EHEC-Bakterium zum gierigen Killer zu erklären, der morgen schon das halbe Land ausrotten würde. Ich übertreibe? Nun, etwas anderes machen die Medien mit dem EHEC-Hype derzeit auch nicht.

Freilandgemüse wird schon seit Jahr und Tag mit Gülle gedüngt. EHEC gibt es auch nicht erst seit heute. Die Gefahr sich mit Salmonellen anzustecken ist übrigens weitaus höher. Und eine Salmonellen-Infektion kann ebenso tödlich enden. Jedes Jahr erkranken ca. 60.000 Menschen an Salmonellen. Über 45 Menschen sterben davon. Und knapp 1.000 Menschen sterben jährlich insgesamt an infektiösen Darmkrankheiten. Das 2010’er EHEC-Baketerium sorgt gerade einmal für knapp 50 Erkrankte aber in der Medienlandschaft wird der Untergang der Menschheit vorhergesagt.

Man sollte EHEC nicht verharmlosen und auch über die Erkrankten oder gar Toten sollte man keine Späße machen. Doch man sollte die Epidemie im Dorf lassen. Aber offensichtlich hat die deutsche Presse ihren Gefallen an spektakulären und reißerischen Artikeln. Und das Volk reagiert brav reflexartig: “Huch, vergiftetes Gemüse? Des kauf ich nett.”

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2 Antworten zu Eine spanische Gurke und die deutsche Angst

  1. Anja 29. Mai 2011 um 14:30 #

    Nun, sagen wir es mal so: Wer Sender wie “rtl” schaut, muss sich über reißerisch aufbereiteten Medienschmu nicht wundern. In den Medien, die ich mir zu Gemüte führe, wird recht sachlich über den Errger berichtet, was ich persönlich auch richtig finde. Nicht alle sind mit einem Imunsysthem gesegnet, das solch einem Bakterium die Stirn bieten kann.

    Und was das Herunterspielen von Gefährlichkeit anbelangt: Schon einmal davon gehört, dass Bakterien mutieren können? Und das besonders gut, wenn sie mit Gülle von Tieren gedüngt werden, die Tag aus Tag ein mit Antibiotika vollgestopft werden? !Ehrlich gesagt warte ich persönlich nur auf den “großen Knall”. Doch dann sind wahrscheinlich alle Leute so abgestumpf aufgrund von Panikmache (siehe Schweinegrippe und Co) dass sie jeglische Warnung in den Wind schießen.

  2. nano 30. Mai 2011 um 21:22 #

    Naja, sehen wir die Sache doch mal so: Jetzt können sich die Geflügelmäster wieder erholen, weil sich niemand mehr über verseuchtes Futter Gedanken macht, obwohl sich auch dort nicht viel geändert hat. Wenn wir aber kein Gemüse mehr essen sollen, dann essen wir eben wieder Fleisch und schließlich gab es auch mal die Schweinegrippe und BSE…..Mal sehen welche Erzeuger als nächstes Angst um ihren vollen Geldbeutel machen müssen, denn heute so morgen so und in unserer etwas seltsamen Ernährungswelt kann eh niemand so genau sagen was als nächstes tötlich endet.

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