Die leicht manipulative Loveparade-Doku
vom 1. September 2010Herr Schaller, Geschäftsführer der Lopavent GmbH und Veranstalter der Loveparade, geht dieser Tage in die Offensive. Am Montag wurde die Website www.dokumentation-loveparade.com online gestellt. Der Veranstalter dokumentiert auf dieser Website die Geschehnisse vom 24.07.2010, jenem schrecklichen Samstag, an dem 21 Personen bei einer Massenpanik den Tod fanden. Der Veranstalter betont, dass die Website der Aufklärung dienen soll. Doch eigentlich geht es wohl mehr darum, den eigenen Kopf zu retten. Denn die Dokumentation lässt mehr Fragen offen, als sie beantworten würde.
Diese Dokumentation zum Loveparade-Unglück setzt ein falsches Signal. So sehen es viele Beobachter und auch die ermittelnde Staatsanwaltschaft. In wenigen Tagen tagt der Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtages zu den Vorkommnissen bei der Duisburger Loveparade. Da möchte man wohl im Vorfeld noch etwas das Volk manipulieren.
Auf der Website wurde ein gutes Dutzend Videofilme der Überwachungskameras online gestellt, welche die Bewegungen der Besucher vom Start der Veranstaltung bis ca. 16:30 Uhr dokumentieren sollen. Das Videomaterial endet ca. 20 Minuten vor dem eigentlichen Unglück und gibt somit keine verlässliche Aussage darüber, wieso und vor allem warum die 21 Menschen sterben mussten.
Da die Website Dokumentation Loveparade dezent manipulativ arbeitet, kommt hier ein kleiner manipulativer Zwischengedanke. Stellen Sie sich vor, ein Betreiber möchte eine möglichst spektakuläre Achterbahn eröffnen. Dem Betreiber sind gewisse Risiken bewusst, schließlich soll die Achterbahn möglichst spektakulär sein. Es kommt der TÜV und testet die Anlage im “kalten” Zustand ohne Gäste. Es gibt keine Bedenken und die Anlage wird freigegeben. Am Tag der Eröffnung kommt es jedoch zu einem Unglück. Bei der dritten Fahrt wird der Wagen der Achterbahn in einer extremen Kurve aus der Bahn gerissen. Alle 21 Insassen sterben. Der Betreiber schiebt jedoch alle Verantwortung von sich ab. Schließlich hat der TÜV sein O.K. gegeben.
Zurück zur Loveparade. Fakt ist, es gab eine Massenpanik. Fakt ist, die Koordination zwischen Security-Personal und Polizei verlief äußerst schlecht. Fakt ist, die Polizei hatte drei Sperren errichtet, hinter denen sich die Besucher stauten. Fakt ist, dass nach dem Lösen von zwei dieser Sperren massive Besucherströme aufeinander zuliefen. Fakt ist, dass der Zugang auf die Rampe durch die dritte Sperre in dieser Zeit nicht möglich war. Erst nachdem auch diese dritte Sperre gelöst wurde, hätte sich die Menschenansammlung lösen können. Doch genau das Gegenteil ist eingetreten.
Fragt man ein kleines Kind, ob es was Schlimmes angestellt hat, so schüttelt es entgeistert den Kopf und zeigt mit dem Finger auf seinen Kameraden. Fragt man bei den Machern der Loveparade nach Fehlern, so wird zwar beteuert aber gleichzeitig ebenfalls mit dem Kopf geschüttelt und auf die Beteiligten gezeigt. Interpretiert man die Loveparade-Dokumentation der Lopavent GmbH, so soll der Eindruck vermittelt werden, die Polizei wäre an dem ganzen Unheil schuld. Hätte und wäre die Polizei … so würden die 21 Toten heute noch leben. So einfach kann eine Schuldabkehr funktionieren.
Jeder kann sich über die Website alle Aufzeichnungen der Überwachungskameras anschauen und sich dazu seine Gedanken machen. Da geht es über Stunden recht gesittet zu. Da sieht man hier und da mal eine kleinere Personengruppe stehen. Und dann sieht man da ab ca. 15 Uhr die Polizei aufziehen, welche kurz darauf drei Sperren errichtet. Wieso die Polizei zu dieser Maßnahme gegriffen hat, ist bis heute immer noch nicht wirklich geklärt. Ganz sicher jedoch wollte die Polizei weder die Besucher noch den Veranstalter damit verärgern.
Ich komme zum Ende hin nochmals zur manipulativen Beeinflussung. Die Doku-Website soll in erster Linie der Aufklärung dienen. So bringt es auch einer der Sätze auf der Startseite auf den Punkt: “Dieser Film zeigt, was sich am 24. Juli 2010 ereignet hat.” In der Tat tut dies diese Dokumentation. Doch eigentlich müsste die Aufklärung schon Tage, gar Wochen zuvor beginnen.
Dem Veranstalter war die Lage des Veranstaltungsgeländes bewusst. Dem Veranstalter war ebenfalls bewusst, dass es nur einen zentralen Zugang zum Gelände gibt. Dem Veranstalter war bewusst, dass über diese Rampe stündlich mehrere Zehntausend Personen ein- und ausgehen mussten. Dem Veranstalter war bewusst, dass bei einer zu erwarteten Besuchermenge von über einer Million Menschen sich an der Rampe stündlich über 100.000 begegnen werden. Dem Veranstalter war bewusst, dass die Rampe die Achillesverse bilden wird.
Im Nachhinein sind alle anderen schuld. Weil die Polizei ihre eigenen Sperren errichtet hat. Weil der Verbindungsbeamte kein Funkgerät und kein Mobiltelefon hatte. Wahrscheinlich waren auch die Besucher durch ihr gieriges Laufverhalten schuld. Und höchst wahrscheinlich lag es auch am falschen Wetter. Das Gelände war auf alle Fälle ideal geeignet. Man sah im Vorfeld keine Bedenken wegen der Rampe und der Besuchermasse. Und das eigene Security-Personal war vollkommen Herr der Lage. Eigentlich hätte es den Eingriff der Polizei gar nicht benötigt. Dann wäre es zu dem Unglück auch nicht gekommen.
Für wie naiv hält man die Bevölkerung wohl? Offensichtlich für so blauäugig, dass man der Meinung ist, mit über 20 Stunden Videomaterial vom eigentlichen Problem ablenken zu wollen.
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