Das Nokia N8 in der Symbian-3-Falle
vom 15. September 2010Heute wird es mal etwas technischer, dafür aber genauso verbockt wie all die anderen Fundstücke in meinem Blog. Es geht um den immer noch größten Handyhersteller der Welt – Nokia – und dessen neustes Flaggschiff das N8. Das N8 soll den lange erhofften und wichtigen Anschluss an Apple mit seinem iPhone und den anderen Herstellern der vielen Touch-Phones bringen. Nokia ist kein Euro zu schade, mit großen Marketingmaßnahmen auf allen Kanälen im Internet das neue N8 zu promoten. Zu kaufen gibt es das neue Wunderding ab Ende September. Doch der erwünschte Käufer kauft mit dem N8 ein Auslaufmodell. Hightech von der Resterampe sozusagen. Denn mit dem N8 steigt Nokia aus der Entwicklung des Betriebssystems Symbian^3 aus. Jenes System, welches auf dem N8 zum Einsatz kommt.
Gestern hat der Mobilfunkkonzern seine diesjährige Nokia World abgehalten. Die Firma hat dabei ihre neusten Produkte vorgestellt: C6, C7, E7 sowie eben auch das N8. Auch ging es um neue Dienste und das “neu” entwickelte Symbian^3 (meint 3. Ausgabe). Eben jene neu vorgestellten Handys werden mit dieser Symbian-Version ausgeliefert. Doch die nächste Version ist bereits in Sicht. Nokia arbeitet bereits an der 4. Ausgabe (^4) und entwickelt parallel das MeGoo. MeGoo soll vergleichbar zu Android werden und komplett auf Linux basieren. Doch dies nur nebenbei.
Zurück zu Symbian. Die Version 3 wurde im Unterschied zum Vorgänger ^1 nur an der Oberfläche runderneuert. Das System blieb quasi das selbe. Man wollte mit dem Facelifting sich dem Stand von Android und iOS nähern. Das zukünftige Symbian^4 wird jedoch weder kompatibel zur aktuellen 3. Ausgabe, noch werden sich die Oberflächen ähneln (so zumindest der aktuelle Stand). Die Käufer eines N8 investieren beispielsweise ca. 450 Euro in “Technikmüll” mit “Verfallsdatum”.
Auf der Nokia World hingegen gab man sich kämpferisch: “Nokia ist zurück“. Denn in den letzten Monaten oder gar Jahren musste Nokia erhebliche Rückschritte hinnehmen. Die Verkaufszahlen minimierten sich von Quartal zu Quartal, weil Firmen wie Apple mit seinem iPhone und HTC mit seinen durchdachten Smartphones dem finnischen Konzern wichtige Kundschaft abluchste. Man darf sich zwar immer noch Weltmarktführer nennen, doch die Zeiten waren schon einmal spür- und messbar besser. Es musste also etwas passieren.
Nokia entwickelte fast ein Jahr lang ein neues Modell, welches den Konzern schlagartig nach vorne katapulieren sollte. Das Gehäuse sollte aus einem gefrästen Alublock stammen – so wie beim neuen iPhone, dem HTC Legend und weiteren Modellen. Der Bildschirm musste (relativ) groß und farbenprächtig ausfallen. Man entschied sich für ein 3,5 Zoll-Display mit AMOLED-Technik. Multitouch, Lagesensor, GPS, WLAN usw. gehören zum Mindestmaß an Ausstattungen. Zusätzlich gibt es eine quasi kostenlose Nutzungserlaubnis für die runderneuerten Nokia-Maps. Nokia wollte allerdings noch einen drauf setzen und spendierte dem neuen Modell eine 12-Megapixel-Kamera mit Carl-Zeiss-Objektiv. Die damit erzielbaren Aufnahmen sind für eine Handykamera mehr als lobenswert. Und selbst HD-Videos mit 720p-Auflösung kann man aufnehmen; auch diese bestechen durch hervorragende Qualität. Beim Betriebssystem musste man sich an die Quasi-Standards von Android und iOS orientieren. Dabei heraus gekommen ist Symbian^3 mit einer gelungenen Oberfläche. Fertig war das neue Flaggschiff: das N8.
Solch gelungene Arbeit muss auch entsprechend vermarktet werden. Seit Wochen arbeiten wohl Dutzende von Mitarbeitern an Videos, Animationen und Events. Auf der eigens eingerichteten Event-Seite von Nokia kann man einen Großteil der Ergebnisse sich anschauen. Für die internetaffinen Kunden hat man auch einen Blog gestartet, in welchem man über die ganzen Community-Aktivitäten berichtet. So fährt bspw. ein umgebauter UPS-Wagen durch halb Deutschland, um in Großstädten die Mystery-Tour abzuhalten. Dabei kann man sich im Truck das N8 in allen Farbvariationen (schwarz, silber, grün, blau, orange) anschauen, testen und den mitreisenden Mitarbeitern von Nokia spezifische Fragen stellen. Alles zum Wohle der Community und mit der Aussicht auf hohe Verkaufszahlen. Die Netz-Gemeinschaft nimmt jegliche neue Information über das N8 gierig und zeigefreudig auf. Die unzähligen Videos auf Youtube zeigen den Effekt. Nokia hat wohl auch viele Testmodelle verschickt, denn unzählig viele Blogs und Portale konnten schon mit dem N8 “rumspielen”.
Auch Nokias App-Store, der OviStore, durfte eine Runderneuerung erfahren. Man betont bei Nokia, dass der Bestand an Applikationen rasant gewachsen sei. Die Marketing-Maßnahmen müssen also Früchte tragen. Dies soll in ersten Linie das N8 erledigen. Und so wie es aussieht, wird das N8 wirklich ein ganz gelungener Wurf. Auf den Ranglisten diverser Handyportale findet sich das neue Topmodell von Nokia ganz oben. Der Erfolg läuft diesem Mobiltelefon somit etwas voraus.
Doch Nokia riskiert viel, die gehypte Kundschaft schnell und eventuell für lange Zeit zu verlieren. Denn mit dem N8 holt sich der Besitzer ein Auslaufmodell ins Haus – zumindest was das System anbelangt. Nokia wird höchstens zur Fehlerbereinigung und eventuell zur Geschwindigkeitssteigerung neue Updates heraus bringen. Doch der Umstieg auf die Folgeversion von Symbian bleibt dem Käufer verwehrt. Nach einem Jahr kann er sich also nach einem neuen Handy mit dem wirklich viel besseren Symbian^4 umschauen. Für 450 Euro erwartet ein Käufer jedoch einen etwas längerzeitigen Mehrwert. Einen Computer kauft man auch nicht jedes Jahr neu, weil das Betriebssystem veraltet ist. Nokia begeht hierbei einen katastrophalen Fehler, der sich meiner Meinung nach in naher Zukunft negativ auswirken wird.
Wie muss sich ein N8-Besitzer in spätestens einem Jahr fühlen, wenn neue Nokia-Modelle im Laden stehen, welche dieses ehemalige Topmodell im sprichwörtlichen Sinne alt aussehen lassen? Klar ist die Handybranche schnelllebig. Was heute noch technisch modern ist, ist in vier Quartalen gewöhnlicher Standard. Doch man könnte die Lebenszeit eines Handys auch verlängern, wenn man möchte. Apple und Google machen es vor. Für das “alte” iPhone-3 gab es erst vor kurzem die neuste iOS-Version und Google lieferte zuletzt mit Android 2.2 (Froyo) eine Version mit vielen neuen Funktionen. Das Stichwort war dabei für beide Firmen die Abwärtskompatibilität. Auch ältere Geräte (Modelle) sollen in den Genuss der neuen Versionen kommen.
Bei Nokia hält man von solchen Ideen wohl wenig. Im finnischen Espoo hat man nur das neue Ziel Symbian^4 und MeGoo vor Augen. Dabei muss es auch sprichwörtliche Opfer geben. Da man wohl nach dem Leitsatz “alles neu macht der Mai” entwickelt, gibt es keinen Blick zurück. Die Abwärtskompatibilität wird wegen neuer, technischer Möglichkeiten geopfert. Neues System heißt auch neue Mobiltelefone. So einfach ist Nokias Zukunft.
Interessenten eines N8 haben die Qual der Wahl. Kaufen sie sich ein derzeitiges Topprodukt mit einem System, welches in einem Jahr überholt ist. Oder kauen sich noch ein weiteres Jahr an den Nägeln und warten auf die Symbian^4- oder MeGoo-Modelle. Beide Optionen sind für Nokia kein Zugewinn. Denn im ersten Fall produziert man verärgerte Kunden, welche sich den nächsten Nokia-Kauf streng überlegen werden. Im zweiten Fall verliert man die Kundschaft eventuell noch schneller an die Konkurrenz. Und offensichtlich verhält sich die derzeit auch etwas cleverer.
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